Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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ruhen. Ratlos irren sie von einer Werkstatt zur anderen, überall heißt es, 
daß auch hier Arbeiter entlassen, aber keine neuen eingestellt werden. Und 
während der Schneidermeister zugrunde geht, weil er seine fertigen Anzüge 
nicht verkaufen kann, muß er seine Arbeiter entlassen, und diese haben b-ald 
ebenso wie ihre Leidensgefährten aus anderen Berufen keinen ganzen Rock 
mehr anzuziehen." 
„Aber auf diese Weise miißte doch alles zugrunde gehen", rief da 
Wilhelm dazwischen. „Einer reißt den anderen mit und so wird alles ver 
nichtet. Ist denn das wahr?" 
„Seitdem der Kapitalismus herrscht," erwiderte ich, „sind die Krisen 
eine regelmäßige Erscheinung geworden. Europa sah große Krisen in den 
Jahren 1815, 1825, 1836/1847 (die letztere leitete die Revolution ein), 1857, 
1873, 1882, 1891, 1895, 1900 und 1907." 
„Aber das geht ja wirklich fast ganz regelmäßig", erwiderte Karl 
erstaunt. „Aber wieso erholt sich denn die Wirtschaft doch immer wieder?" 
„Die Krise selbst," antwortete ich, „bewirkt schon den neuen Aufschwung. 
Während der Krisenzeit braucht jeder notwendig Geld, um Zahlungen zu 
leisten. Geborgt wird nichts mehr. Jetzt müssen die Waren um jeden Preis 
losgeschlagen werden, oft tief unter dem Werte. Aber auch die Fabrik 
anlagen selbst müssen oft Hals über Kopf verkauft werden. Wer sie nun 
billig ersteht und auch die Rohmaterialien und Hilfsstoffe um einen Spott 
preis kaufen kann und die Arbeiter billig bekommt, der vermag selbst 
unter den herrschenden schlechten Absatzbedingungen noch mit Gewinn zu 
produzieren. Dadurch beginnt aber das ganze Geschüftsleben sich wieder zu 
heben. Die Arbeiter sind nicht mehr arbeitslos und können sich allmählich 
wieder aus ihrem tiefsten Elend emporarbeiten: sie kaufen Kleider, 
Möbel u. s. w. Die Fabrikanten kaufen wieder Rohstoffe. Jetzt werden neue 
Fabriken gebaut, neue Maschinen aufgestellt, um dem gesteigerten Bedarf 
zu genügen, und so beginnt die Geschichte wieder von vorne." 
„Wenn sich das aber schon so oft abgespielt hat," warf Karl ein, „wieso 
wissen denn die Kapitalisten noch nicht, daß es zum Krach kommen muß?" 
„Die wissen das schon", entgegenete ich, „aber gerade deshalb sucht 
jeder um so schneller sein Schäfchen ins trockene zu bringen. Jeder sucht so 
viel Extraprofit zu machen wie nur möglich. Darum werden die Betriebe 
ausgedehnt, neue Maschinen aufgestellt, jeder sucht die anderen zu über 
flügeln. Je mehr Maschinen in einer Industrie verwendet werden, um so 
eher sind solche Ertragewinne in ihr zu machen, um so mehr Kapital fließt 
ihr zu. Aber wie wir gesehen haben, dauert es gerade bei diesen In 
dustrien oft jahrelang, bis sie die neuen Produkte verkäuflich liefern 
können. Bis dahin stehen natürlich die Preise immer noch, hoch. Die Ma 
schinen und Fabrikbauten, die errichtet werden, erfordern eine Menge Roh 
material und beschäftigen eine Menge Arbeiter. So blüht das ganze Ge 
schäft, besonders die Massenartikel finden reißenden Absatz. Sind doch jetzt 
die Löhne vergleichsweise hoch. Das geht längere Zeit so fort. Die Er 
zeugung von Massenartikeln wächst immer rascher. Endlich aber muß sich 
doch herausstellen, daß zuviel Massenartikel produziert worden sind, daß 
sich keine Käufer dafür finden. Jetzt beginnt die Sache auf einmal zu 
stocken. Irgendwo hat ein großer Fabrikant seine Waren nicht mehr ver 
kaufen können, er kann daher seine Rechnungen, nicht bezahlen, dadurch 
kommt der andere in Verlegenheit, und so reißt einer den anderen mit, die 
Krise ist da."
	        
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