Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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sonst  brauchte,  mußte  er  selbst  verdienen.  Da  hieß  es  nun  sparen  und
arbeiten.  Während  die  anderen  Jungen  spazieren  oder  auf  die  Eisbahn
gingen,  mußte  er  Stunden  geben  und  für  ein  Geschäft  Adressen  schreiben.
Als  er  endlich  an  die  Universität  kam,  ging  es  ihm  noch  schlechter.  Er
brauchte  mehr  zum  Leben,  und  der  alte  Vater  war  unterdessen  arbeitsunfähig ­
  geworden  und  lebte  sehr  kümmerlich  von  seiner  kargen  Pension,
dem  Sohn  konnte  er  nichts  schicken.
Trotz  dieser  Schwierigkeiten  machte  mein  Vater  seine  Studien  als
Chemiker  mit  dem  besten  Erfolg,  und  seine  Professoren  redeten  ihm  sogar
zu,  die  wissenschaftliche  Laufbahn  einzuschlagen,  selbst  Professor  zu  werden.
Davon  konnte  aber  gar  nicht  die  Rede  sein;  denn  um  solange  als  unbesoldeter ­
  Privatdozent  leben  und  auf  Verdienst  warten  zu  können,  wie  es
hier  notwendig  ist,  dazu  muß  man  viel  Geld  zusetzen  können,  dazu  muß
man  in  der  Wahl  seiner  Eltern  viel  vorsichtiger  gewesen  sein,  als  es  mein
Vater  gewesen  war.
So  suchte  er  denn  eine  Anstellung  in  einer  chemischen  Fabrik.  Da  er
auch  da  nicht  lange  warten  konnte,  sondern  genötigt  war,  bald  unterzukommen, ­
  nahm  er  zunächst  mit  einer  ziemlich  schlecht  bezahlten  Stellung  in
einer  großen  chemischen  Fabrik  vorlieb.  Es  handelte  sich  ja  nur  um  ein  vorläufiges ­
  Unterkommen;  denn  mein  Vater  trug  sich  mit  einer  großen  Erfindung, ­
  die  ihm,  wie  er  dachte,  auch  viel  Geld  einbringen  müsse.
Durch  einen  Zufall  war  schon  während  seiner  Studienzeit  seine  besondere ­
  Aufmerksamkeit  darauf  gelenkt  worden,  daß  es  für  die  Lederindustrie
ein  ungeheurer  Gewinn  wäre,  wenn  die  Zeit  der  Gerbung,  die  nach  dem  alten
Verfahren  oft  Jahre  in  Anspruch  nimmt,  wesentlich  abgekürzt  werden  tonnte,
und  er  suchte  nun  nach  einem  neuen  Verfahren,  das  durch  Anwendung  von
chemischen  Mitteln  diese  Zeit  stark  abkürzen  würde.  Nach  jahrelangen  Bemühungen ­
  war  es  ihm  denn  auch  gelungen,  ein  solches  Verfahren  zu  finden.
Freilich  hatte  er  seine  Versuche  nur  in  sehr  kleinem  Maßstab  ausführen
können;  denn  Leder  ist  teuer,  noch  mehr  aber  die  Apparate  und  Chemikalien,
die  zu  der  neuen  Gerberei  nötig  gewesen  wären.  Der  Vater  mußte  sich  daher ­
  mit  allerhand  alten  Kisten,  Gläsern,  Röhren  u.  s.  w.  behelfen.  Dabei
liel  aber  die  Ware,  das  heißt  das  Leder,  nie  schön  aus.  Immer  zeigten  sich
Ungleichmäßigkeiten  und  auch  Flecken.  Hier  war  das  Leder  noch  nicht  durchgegerbt, ­
  dort  war  es  schon  zu  mürbe  geworden.
Umsonst  bemühte  sich  mein  Vater  in  langwierigen  Versuchen,  diese
Fehler  zu  beseitigen.  Er  hatte  unterdessen  geheiratet  und  brannte  nun  erst
recht  auf  den  Erfolg  seiner  Bemühungen.  Ich  erinnere  mich  heute  noch  aus
meiner  Kindheit,  was  für  ein  Gestank  oft  in  der  ganzen  Wohnung  war.
wenn  der  Vater  wieder  seine  Versuche  unternahm.  Endlich  mußte  er  aber
doch  einsehen,  daß,  sollte  das  Unternehmen  gedeihen,  weit  größere  Mittel
und  viel  mehr  Zeit  notwendig  wären,  als  ihm  damals  zur  Verfügung ­
  standen.  Bis  dahin  hatte  er  nur  abends  und  nachts
an  seiner  Erfindung  arbeiten  können,  da  er  tagsüber  in  der  Fabrik  beschäftigt ­
  war.  Nach  langem  Zaudern  und  reiflicher  Ueberlegung  entschloß
der  Vater  sich  nun  endlich,  einen  Gesellschafter  zu  suchen,  der  ihm  Geld  geben
und  dafür  einen  Teil  des  Gewinnes  erhalten  sollte.  Reiche  Freunde  oder
Bekannte  hatte  mein  Vater  nicht,  so  blieb  ihm  nichts  anderes  übrig,  als
ein  Inserat  in  eine  Zeitung  zu  geben,  daß  ein  Erfinder  einen  Teilhaber  mit
Geld  suche.  Tatsächlich  meldeten  sich  auch  einige  Leute,  aber  die  einen  wollten
sich  nur  beteiligen,  wenn  sie  fertige  schöne  Ware  sähen  und  die  konnte  ihnen
Vater  noch  nicht  zeigen;  die  anderen  wollten  vor  allem  das  Verfahren  selbst
            
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