Full text : Kapitalismus und Sozialismus

kennenlernen,  bevor  sie  sick  ans  das  Unternehme,:  weiter  einliehen.  Darauf
konnte  aber  Vater  wieder  nicht  eingehen:  denn  nichts  bürgte  ihm  dafür,
daß  diese  Leute  nicht  dann  von  feiner  sorgfältig  geheimgehaltenen  Erfindung
selbst  Gebrauch  machten  und  er  der  Geprellte  war.
So  sah  er  denn  bald  ein,  daß  er  vor  allem  ein  Patent  auf  seine  Erfindung ­
  nehmen  müsse.  Das  kostete  aber  ziemlich  viel  Geld  und,  um  dieses
aufzubringen,  mußte  sich  der  Vater  in  Schulden  stürzen.  Nun  erlischt  aber
ein  Patent  schon  nach  wenigen  Jahren,  wenn  es  nicht  ausgeführt  wird.
So  war  also  der  Vater  gezwungen,  sein  Verfahren  bald  in  die  Praxis  umzusetzen, ­
  wenn  er  nicht  riskieren  wollte,  daß  das  Patent  ungültig  wurde.
Dann  wäre  nicht  nur  das  bezahlte  Geld  verloren  gewesen,  sondern  das
Patentaint  veröfentlicht  in  solchen  Fällen  die  patentierten  Verfahrensarten.
Wenn  das  Patent  erlosch,  konnte  also  jeder  nach  der  veröffentlichten  Beschreibung ­
  Leder  schnell  gerben  und  mein  Vater  hatte  nichts  von  seiner  Erfindung.
Tatsächlich  fand  er  denn  nun  auch  bald  einen  Kompagnon,  der  seinen
Anforderungen  wohl  entsprach,  den  Besitzer  einer  ansehnlichen  Gerberei,
der  mit  meinem  Vater  abmachte,  daß  das  patentierte  Verfahren  ihnen  beiden
gemeinsam  gehören  und  Vater  sich  ganz  dessen  Verwirklichung  widmen
solle,  dafür  solle  dann  auch  der  dabei  erzielte  Gewinn  unter  ihnen  gleichmäßig ­
  verteilt  werden.  Mein  Vater  ging  sehr  gern  auf  diesen  Vorschlag
ein,  obwohl  ihm  die  Person  seines  neuen  Kompagnons  nicht  sehr  zusagte;  !
aber  er  war  in  einer  Zwangslage.  Kaum  hatte  nämlich  sein  Fabrikchef  von
dem  Patent  erfahren,  das  mein  Vater  erworben  hatte,  als  er  es  ihm  zu
miserablem  Preis  abkaufen  wollte.  Als  mein  Vater  auf  dieses  Geschäft,  das
ihn  fast  ganz  um  den  Lohn  seiner  langjährigen  Arbeiten  gebracht  hätte,
nicht  eingehen  wollte,  erhielt  er  die  5ründigung.  »Ich  verlange  von  meinen
Angestellten,«  erklärte  der  Chef,  »daß  sie  ihre  ganze  Kraft  meinem'Unternehmen ­
  weihen.  J-ch  kann  ihnen  nickt  gestatten,  für  private  Rechnung  Erfindungen ­
  zu  machen  und  so  gerade  den  besten  Teil  Ihrer  geistigen  Kraft
und  Aufmerksamkeit  Ihrer  eigentlichen  Stellung  zu  entziehen.  Ich  will
Ihrem  Glück  nicht  im  Wege  stehen,  das  für  Sie  offenbar  außerhalb  meines
Unternehmen  liegt.«
So  war  denn  mein  Vater  brotlos  geworden  und  er  mußte  froh  sein,
den  Vertrag  mit  dem  Gerbereibesitzer  eingehen  zu  können.  Mit  größtem
Eifer  machte  er  sich  nun  an  die  Einrichtung  der  neuen  Abteilung  und  bald
konnte  mit  dem  Betrieb  begonnen  werden.  Aber  der  brachte  zunächst  nichts
als  Enttäuschungen.  Das  Leder  wurde  stets  ungleichmäßig,  die  Färbungen
versagten,  kurz,  alles  ging  schief.  Mein  Vater  war  in  Verzweiflung.  Er
konnte  nicht  begreifen,  wieso  es  kam,  daß  die  Proben  oft  sogar  schlechter
ausfielen,  als  wie  er  sie  mit  seinen  primitiven  Apparaten  hergestellt  hatte.
Als  nun  die  Jahresabrechnung  kam,  ergab  sich  nicht  nur  kein  Reingewinn,
sondern  noch  ein  ganz  namhafter  Verlust,  und  nun  verlangte  Herr  Fuchs,
der  Kompagnon,  daß  mein  Vater  die  Hälfte  davon  decke.  Das  war  aber  ganz
unmöglich;  denn  dieser  hatte  während  des  Jahres,  in  dem  er  ja  keinen
eigentlichen  Lohn  erhielt,  bereits  Vorschüsse  bei  jenem  aufnehmen  müssen,
die  jetzt  auch  zurückgezahlt  werden  sollten,  und  dazu  kamen  noch  die
Schulden  von  der  Patenterwerbung.  Herr  Fuchs  drohte  nun  mit  Gericht
und  Pfändung,  so  daß  sich  endlich  mein  Vater  entschloß,  seinen  neuen  Vorschlag ­
  anzunehmen.  Herr  Fuchs  erklärte,  trotz  des  empfindlichen  Schadens,
den  ihm  der  unglückselige  Versuch  gebracht  habe,  doch^mit  dem  armen  Erfinder ­
  Mitleid  zu  fühlen,  und  so  wolle  er  ihm  alle  Schulden  erlassen  und
sogar  noch  seine  Privatschulden  übernehmen,  falls  ihm  dieser  alle  Rechte
an  dem  »ohnehin  wertlosen«  Patent  abtrete.  Jetzt  begann  mein  armer
            
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