Full text : Kapitalismus und Sozialismus

25

mehr  leisten,  dann  stehen  schon  soundso  viele  andere  bereit,  die  nur  daraus
warten,  für  ihn  einzuspringen.  Deshalb  braucht  der  Kapitalist  heute  nicht
mehr  wie  früher  einmal  der  Sklavenhalter  dafür  zu  sorgen,  daß  der  Arbeiter ­
  genug  zu  essen  kriegt."
„Wieso  sind  denn  dann  die  Arbeiter  noch  nicht  alle  vierhungert?"  wars
hier  Wilhelm  ironisch  ein.
„Weil  dann  die  Kapitalisten  niemand  mehr  hätten,  der  für  sie  arbeitete",
entgegnete  ich.  „Am  Leben  des  einzelnen  braucht  ihnen  nichts  zu  liegen,
wohl  aber  an  der  Existenz  der  Arbeiterschaft  überhaupt,  und  so  ist  es  denn
auch  ihr  fortwährendes  Bestreben,  die  Löhne  so  weit  herabzudrücken,  daß
der  Arbeiter  gerade  noch  knapp  davon  leben  kann.  Aber  dadurch,  daß  die
Proletarier  frei  sind,  daß  sie  keine  Sklaven  mehr  sind,  haben  sie  auch  die
Möglichkeit,  für  höhere  Löhne  und  bessere  Arbeitsbedingungen  zu  kämpfen.
Freilich  hat  es  Zeiten  gegeben,  wo  die  Arbeiterschaft  ganz  hilf-  und
ratlos  der  Willkür  der  Kapitalisten  preisgegeben  war,  und  dann  wurde  auch
ihre  Lebenshaltung  herabgedrückt  bis  zum  äußersten  Elend;  aber  dann
lernten  sie  sich  gewerkschaftlich  und  politisch  zu  organisieren  und  so  ein
besseres,  menschenwürdigeres  Leben  zu  erkämpfen.
Aber  darin  hat  Wilhelm  schon  recht,  daß  der  moderne  Kapitalist  geradeso ­
  von  der  Arbeit  seiner  Arbeiter  lebt  wie  der  römische  Sklavenhalter  von
der  seiner  Sklaven  und  wie  der  mittelalterliche  Baron  von  der  seiner  kiieigenen
  Bauern."
Daß  ich  mich  so  auf  Wilhelm  selbst  berief,  ärgerte  diesen  ein  wenig,
denn  er  hatte  das  nicht  sagen  wollen;  aber  er  mußte  es  nun  als  richtig  anerkennen. ­

„Ja,  aber,"  sagte  er  nun  in  seinem  Aerger,  „wer  zwingt  denn  die
Leute,  für  den  Kapitalisten  zu  arbeiten,  wenn  sie  nicht  selbst  ihren  Vorteil
dabei  finden?  Ihr  werdet  sagen,  sie  müssen  arbeiten,  weil  sie  sonst  verhungern. ­
  Aber  eben  deshalb  ist  es  auch  zu  ihrem  Vorteil,  daß  ihnen  der
Reiche  Arbeit  und  Lohn  gibt.  Täte  er  das  nicht,  dann  müßten  wir  zugrunde
gehen.  Deshalb  müssen  wir  den  Kapitalisten  dankbar  sein.  Das  sagt  mein
Vater  doch  immer."
„Mit  der  Dankbarkeit,"  entgegnete  ich,  „ist  das  eine  eigene  Sache.
In  der  Regel  kann  der  eine  nichts  dafür,  daß  er  arm,  und  der  andere  ebensowenig ­
  dafür,  daß  er  reich  ist.  Beide  sind  in  ihre  Lage  hineingeboren,  und
so  hat  keiner  dem  andern  etwas  vorzuwerfen  oder  ihm  dankbar  zu
sein.  Uebrigens  ist  der  Kapitalist  viel  mehr  auf  die  Arbeiter  angewiesen  als
umgekehrt;  denn  dieser  braucht  nur  die.  Arbeitsmittel,  aber  nicht  den  Unternehmer ­
  stkbst.  Der  Katzitalist  aber  kann  ohne  die  Person  des  Arbeiters
überhaupt  nichts  anfangen;  denn  wenn  die  Arbeiter  nicht  mehr  für  die
Reichen  arbeiten  würden,  müßten  die  auch  bakd  verhungern.  Auf  die  Frage
der  Dankbarkeit  kommt  es  aber  auch  gar  nicht  an.  Der  Arbeiter  kämpft  um
höheren  Lohn,  weil  er  menschenwüvdig  leben  will;  wer  an  seinem
Elend  schuld  ist,  das  spielt  dabei  keine  Rolle.  Aber  wie  dieses  Elend  zustande
gekommen  ist,  das  interessiert  uns.  Denn  daraus  können  wir  vielleicht
schließen,  wie  ihm  wieder  abgeholfen  werden  kann,  und  dabei  werden  wir
auch  die  Quelle  des  Kapitalismus  finden.  Ohne  das  Elend  großer  Volksmassen ­
  ist  ja  dieser  unmöglich;  denn  wer  nicht  durch  die  Not  gedrängt  Wird,
der  arbeitet  nicht  freiwillig  Tag  für  Tag  vom  Morgen  bis  zum  späten
Abend  und  oft  auch  noch  die  Nacht  durch  an  einer  langweiligen,  geisttötenden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.