Full text: Kapitalismus und Sozialismus

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aus der Sklaverei des Braukapitals los zu machen; sehr oft aber kommen 
auch schwere Zeiten, eines Tages kann der Wirt nicht mehr das Bier oder 
die Miete bezahlen, er wird vor die Tür gesetzt, und ein anderer Wirt, der 
vielleicht wieder etwas Geld zuzusetzen hat, tritt an seine Stelle. Die 
Brauerei verliert in keinem Falle; denn entweder kriegt sie ihr Kapital mit 
Zinsen zurück oder sie kann wieder einen neuen Wirt in das schon einge- 
ritMete Lokal zu denselben Bedingungen setzen." 
„Unh_ dabei noch sein Geld einstecken, das er zusetzt," ergänzte Karl 
eitrig. „So hat die Brauerei gar kein Msiko. Geht es schief, so geht der 
Wirt krachen, sie selbst aber behält das eingerichtete Lokal." 
„Wie du das so von den Wirten erzählst," meinte Wilhelm etwas zö 
gernd, „erinnert es mich an die Geschichte des Bäckerladens in unserem 
Hause." 
„Das ist wahr," unterbrach Karl; „das ist eine ganz ähnliche Gc- 
scksichte. Unser Hauswirt hat einen Backofen, und den vermietet er zusam 
men mit einem Laden an Bäckermeister, natürlich recht teuer. Seit wir in 
dem Haus wohnen, das sind jetzt beinahe drei Jahre, sind schon zwei Bäcker 
verkracht, und als der zweite mit seiner Familie herausgesetzt wurde, da 
machte er noch auf der Straße einen furchtbaren Spektakel und schrie, der 
Hauswirt habe ihm das Blut ausgesaugt." 
„Uebrigens hast du mit deinem Beispiel von den Gastwirten auch 
sonst nicht viel Glück," wandte ich mich an Wilhelm, indem ich auf das blau- 
und weißkarrierte Schild des letzten Lokals in der Straße hinwies. „Da 
schau einmal, was da oben steht." Und Wilhelm las mit sichtlicher Ver 
legenheit: „42. Bierquelle." 
--Na, und da drüben," zeigte Karl auf die andere Straßenseite, „da 
ist ein Buttergeschäft. 'Schau nur, wie sckstin dort in Goldschrift steht: 
Vierzeh,n Stadtfilialen. Uebrigens ist das noch nichts gegen eine andere 
Firma. Da kaufte ich unlängst im Vorbeigehen ein paar recht duftige 
Harzer. Auf dem Papier, in das die Kaschen gewickelt waren, stand, daß 
dies die 36. Filiale des Geschäftes war; und gar nicht weit von unserem 
Haus, erinnere ich mich jetzt, habe ich schon oft das Schild gelesen: 
„a7. Seifenfiliale." 
"Nun ja, das gebe ich zu," sagte Wilhelm ärgerlich, „das die kleinen 
<2traßengeschäfte oft nicht von selbständigen kleinen Kaufleuten betrieben 
werden, sondern daß sie vielfach entweder Filialen großer Geschäfte sind 
oder mehr oder weniger verkappte Agenturen von Brauereien oder sonstigen 
großen Fabriken, oder endlich nur den Zweck haben, den Hauswirt zu be 
reichern. Aber was ist es denn mit den Kleinmeistern, den Schneidern, 
Schustern. Klempnern u. s. w.?" 
„Ja, was macht denn das aus," meinte Karl wegwerfend, „was die 
fertig bringen. Neben den großen Schuhfabriken, Kleidermagazinen u. s. w. 
spielen die doch gar keine Rolle. Ta sieh dir einmal diesen elenden Laden 
an." Dabei wies er auf einen kleinen Straßenladen eines Schneiders hin. 
„Das ist aber komisch," bemerkte Wichelm, als er das Schild sah, „daß 
wir gerade hier vorbeikommen. Den Mann kenne ich; der arbeitet für 
meinen Chef. Freilich hat er den Ehrgeiz, sich „Meister" schimpfen zu lassen: 
aber es geht ihm miserabel, und gezahlt wird er für seine Arbeit noch 
schlechter als die Arbeiter, die bei uns sitzen. Daß er auch für Kunden ar 
beitet, kann ich mir gar nicht vorstellen: denn er hat ja kein Geld, um den 
^tosf zu kaufen, und borgen tut ihm schon lange niemand mehr."
	        
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