Full text : Kapitalismus und Sozialismus

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dritte  Etage  und  gingen  durch  die  Abteilung  für  frische  Fische  und  Wild
nach  dem  Porzellanlager.  Die  Damenkonfektion  interessierte  uns  wenig,
aber  wir  kamen  alsbald  auch  zu  der  Ausstellung  von  Kunstwerken.  Da  gab
es  Büsten  aus  Marmor  und  Nippesfigürchen  aus  Terrakotta,  alte  hölzerne
Heiligenstatuen  und  bronzene  Tänzerinnen,  die  in  emporgehobenen  Händen
elektrische  Glühlichter  trugen.  Im  Erfrischungsraum  nahmen  wir  ein
paar  belegte  Brötchen  und  besichtigten  dann  die  Abteilung  für  weibliche
Handarbeiten  und  das  Bücherlager.  Besonders  fielen  uns  dort  die  vielen
neuen,  aber  im  Preis  sehr  herabgesetzten  Bücher  auf.  Bon  da  eilten  wir
öurch  das  Pavfümerienlager  in  die  japanische  Abteilung  mit  ihren  Basen
und  Götterstatuen,  den  Reisekissen  und  Kinderspielwaren,  den  Stickereien
und  Porzellanservicen.  An  den  Apothekerwaren  vorbei  kamen  wir  zu  den
Strohhüten  und  von  da  zu  den  Küchenmöbeln.
Als  wir  nach  einer  Stunde  das  riesige  Gebäude  verließen,  hatten  wir
so  ziemlich  alles  gesehen,  was  ein  Mensch  überhaupt  in  seinem  Leben
braucht.  Bon  all  den  unzähligen  Artikeln,  die  in  grellster  Beleilchtung  da
zum  Kauf  ausgestellt  waren  und  sich  den  Kunden  ordentlich  aufdrängten,
waren  wir  fast  wirr  geworden,  und  als  wir  nun  wieder  auf  der  Straße
standen,  atmeten  wir  geradezu  erleichtert  auf.
„Es  ist  sonderbar,"  sagte  Wilhelm,  „während  der  ganzen  Zeit  unseres
Aufenthalts  im  Warenhaus  bin  ich  ein  unheimliches  Gefühl  nicht  los  ge*
worden."
„Mir  ist  es  geradeso  gegangen,"  bestätigte  Karl.  „Wenn  man  so  zwischen ­
  diesen  ungeheuren  Massen  von  oft  doch  kostbaren  Waren  herumgeht,
die  ganz  lose  auf  den  Tischen  liegen,  muß  man  sich  doch  immer  denken,  daß
jeder  Besucher  heimlich  genau  beobachtet  wird,  ob  er  nichts  stiehlt,  und
dieses  Bewußtsein  ist  mir  höchst  unbehaglich.  Ich  begreife  gar  nicht,  wie
man  sich  da  frei  bewegen  kann,  wenn  man  immer  argwöhnische  Blicke  aus
sich  gerichtet  fühlt,  und  doch  verstehe  ich  nicht,  wieso  nicht  sehr  viel  gestohlen ­
  wird."  •»
„Der  Grund,  warum  ich  ein  drückendes  Gefühl  nicht  abweisen
konnte,  ist  freilich  ein  ganz  anderer",  erwiderte  Wilhelm.  „SBenn
ich  diese  riesigen  Warenmengen  betrachte,  dann  denke  ich  unwillkürlich ­
  an  alle  die  Existenzen,  die  zertreten  werden  mußten,  bis  all
das  sich  in  einer  Hand  vereinigen  konnte.  Ich  habe  mich  bei  verschiedenen
Artikeln,  die  ich  von  unserem  Geschäfte  her  renne,  nach  den  Preisen  erkundigt, ­
  und  manches  war  viel  billiger  als  wir  es  verkaufen.  Da  können  natürlich ­
  die  kleineren  Geschäfte  nicht  bestehen.  Aber  wieso  können  die  Warenhäuser ­
  den  Preis  so  drücken?  Unlängst  war  einmal  bei  uns  im  Geschäft
davon  die  Rede,  weshalb  jetzt  die  große  Herrenkleiderfirma  S.  A.  so  spottbillig
  verkaufen  könne  und  uns  dadurch  die  Kundschaft  abjagt,  und  da  wies
unser  Zuschneider  darauf  hin,  daß  jene  Firma  kürzlich  erst  einen  großen
Posten  Stosse  aus  dem  Konkurs  einer  Fabrik  furchtbar  billig  erstanden  hat
und  diese  Stoffe  jetzt  verarbeitet  und  so  billig  auf  den  Markt  wirft.  Die
Erinnerung  bin  ich  die  ganze  Zeit  nicht  los  geworden,  und  ich  dachte  immer,
wie  biele*  Fabriken  verkracht  sein  müssen,  damit  das  Warenhaus  so  billig
verkaufen  kann.  Ich  hatte  das  Gefühl,  als  ob  ich  auf  einem  Kirchhof  herumspazierte. ­
  Jeder  Stoß  Waren  schien  mir  der  Leichenstein  einer  Fabrik."
„Nun,  ich  glaube,  daß  du  da  doch  zu  schwarz  siehst,"  unterbrach  ich  seine
Betrachtungen;  „freilich,  viel  Wahres  ist  schon  daran.  So  stammt  zum  Beispiel ­
  ein  großer  Teil  der  so  billigen  Bücher  aus  den  Vorräten  von  verkrack-
            
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