gerade due Postarbeit ist, gar nicht darum, wie lange ein Arbeiter zu
einem Stück braucht. Wir geben die Arbeit außer Haus, jeder Arbeiter
arbeitet bei sich, und wie lange er da braucht, das geht niemand was an,
er kriegt einfach für das abgelibferte Stück."
„Das ist aber doch dasselbe wie bei uns", unterbrach ihn Karl. „Bei
uns erhält doch auch der Arbeiter den Lohn per Stück bezahlt."
„Das schon," entgegnete Wilhelm, „aber der Unterschied ist doch der,
daß bei euch der Meister hetzt, bei uns aber kümmert sich niemand darum,
ob einer rasch oder langsam arbeitet. Wir haben da auch ein paar ältere
Arbeiter, die schon recht langweilig sind."
„Na, und wie leben denn die von ihren: Lehn?" fragte ich. „Kommen
sie mit dem aus, was sie bei deinem Chef verdienen?"
„Danach habe ich eigentlich noch nicht viel gefragt," entgegnete Wil
helm etwas beschämt; „aber, da fällt mir ein, daß der eine von unseren
»Alten« neulich schrecklich geklagt hat, weil seine Tochter heiratet, die ihm
bisher mit ihrem Lohn ausgeholfen hat. Und es ist auch wahr; wenn ich
mir so überlege, was der alte Mann in einer Woche verdient, dann kann
ich mir gar nicht vorstellen, wie ein Mensch davon soll leben können."
„Nun, da siehst du ja," bemerkte Karl, „daß bei euch die Hetzerei
geradeso arg rst wie bei uns, nur ist sie nicht so auffällig. Wenn ein
Schneider mit seiner Arbeit sich und Frau und Kinder erhalten will, da
muß er schon ordentlich zugreifen und flink arbeiten, sonst schafft er es nicht."
„Ja, aber wozu ist denn diese Hetzerei?" fragte Wilhelm. „In einer
großen Fabrik wie ber Karl begreife ich es noch; dort sollen wohl die
Maschinen möglichst ausgenützt werden. Dann haben die auch einen bestimm
ten Arbeitstag und da soll möglichst viel fertiggestellt werden; aber bei
unseren Arbeitern ist das doch alles ganz anders; die arbeiten zu Haufe
mit ihrer eigenen Maschine und haben gar keine bestimmte Arbeitszeit.
Könnte es da meinem Chef nicht gleich sein, ob die rasch oder langs»m
arbeiten? Er zahlt ja doch nur für das Stück und nicht für die Zeit, die
der Arbeiter damit verbracht hat."
„Das ist eben eine Täuschung", erwiderte ich. „Das kannst du gerade
im dem Beispiel von Karls Akkordarbeit gut sehen. Warum wurde denn
dort der Stücklohn herabgesetzt?"
„Weil der Arbeiter jetzt schon flinker arbeitet als vor einer Woche",
antwortete Wilhelm.
,Das heißt also," ergänzte ich, „daß er weniger Zeit für jedes Stück
braucht. Der Meister rechnet so: Ein sehr geschickter Arbeiter muß bei
sehr angestrengter Arbeit täglich 6 Mk. verdiene!: können. Wenn er täglich
drei Stück fertig bringen kann, berechne ich den Lohn per Stück mit 2 Mk.
Kann er aber später vier Stück in einem Tag fertig machen, so brauche ich
ihm nur Mk. 1*50 per Stück zu bezahlen. So ist also der Stücklohn nur
ein verkleideter Zeitlohn, der aber für den Unternehmer den Vorteil hat.
daß er den Arbeiter zwingt, n:öglichst rasch zu arbeiten."
„Ja, aber was hat denn der Unternehmer davon?" „Das fragt sich
ja eben", warf Wilhelm ein.
„Das ist aber doch klar", unterbrach Karl. „Ich will dir das gleich
bei deinen Schneidern zeigen. Ein tüchtiger Schneider bekommt per Tag
vielleicht 5 Mk. Lohn und ist imstande, einen Rock zu machen. Wenn Stoff.
Zubehör u. s. w. 10 Mk. kosten und der Kleiderhändler den fertigen Rack
um 18 Mk. verkauft, so hat er einen Gewinn von 3 Mk. gemacht. Wenn
ober der Schneider so flink arbeitet, daß er zwei Röcke in einem Tag machen
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