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viel schneller wächst als die natürliche Be Völker ungsvermehrung
beträgt
In mehrfacher anderer Beziehung befinden sich die westfäli
schen Arbeiter der Industriegegend in einer viel schlechteren Lage
als die skandinavischen und hannoverschen Arbeiter; sie nähern
sich dort schon der „unstetigen“ Lage, die mehr und mehr in
mitten der Massen herrscht, die in den Kohlegebieten Englands,
Belgiens und Frankreichs zusammengeströmt sind. Eine der be
dauerlichsten Seiten dieser Lage ist die Gewohnheit, die Arbeiter
mehr und mehr in MietsWohnungen unterzubringen; es ist be
klagenswert, daß dieses System noch immer mehr um sich greift.
Bis heute haben die Verhältnisse zwischen der Familie und
dem Kapitalisten, dem Eigentümer des Hauses, einen herzlichen
Charakter, der sich auf gegenseitiger Willfährigkeit und dem Patro
natsverhältnis gründet. Der Eigentümer glaubt sich nicht befugt,
den einmal vereinbarten Mietzins zu steigern; und der Mieter fühlt
sich zu kleinen Dienstleistungen gehalten, die dem Eigentümer viel
leicht angenehm sein können. Wenn an die Stelle dieser guten Be
ziehungen von Eigentümer zum Mieter eines Tages die aufreizenden
Kämpfe getreten sind, die in gewissen Städten des Westens die
Festsetzung des Mietzinses hervorruft, dann wird man das Fehlen
einer gesetzlichen Regelung bedauern, die z. B. den Kaufleuten im
Harz verbietet, ihr Kapital in der Weise anzulegen, daß sie die
Häuser, in denen Arbeiter wohnen, erwerben. Die oben bezeichneten
guten Beziehungen sind sicherlich dem sozialen Frieden günstig.
Doch scheint es, daß seine Herrschaft in diesem besonderen Falle
sich viel sicherer darauf gründen ließe, daß man den Arbeiter beim
Erwerb seiner Wohnung vom Wettbewerb der Kapitalisten frei
macht. Die beträchtlichen Summen, die die Familie für unnütze
und schädliche Erholungen verwendet, zeigen, daß sie schon längst
ihr Häuschen zu eigen haben könnte, wenn die Gewohnheit, unter
stützt von der Patronage, auf dieses wichtige Interesse, die Fürsorge
für die Familie, hingelenkt würde. Letztere würde nicht nur ihre
finanzielle Position verbessert haben; sie würde auch in der sozialen
Rangordnung eine viel höhere Stellung einnehmen.
Viele Gründe geben zu der Befürchtung Anlaß, daß die Ent
wicklung der Industrie in der sächsischen Ebene in Zukunft den
I Familien dieser Gegend die sittliche Höhe, die sie sich im Laufe
von sechs Jahrhunderten der Tugend erworben haben, wieder ent
reißt. Um die Gefahr zu erkennen, die ihrer Existenz droht, ge-