Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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die  Sozialwissenschaft  aus  dem  „metaphischen“  Zustande  befreien,
sie  zu  einer  „positiven“  Wissenschaft  entwickeln  wollte:
Die  Gesellschafts-Wissenschaft  wird  in  fortschreitender  Entwicklung  dieselben ­
  Phasen  durchlaufen  wie  die  Astronomie,  die  Physik,  die  Chemie  und
ganz  allgemein  alle  Wissenschaften,  die  auf  der  Beobachtung  von  Tatsachen  beruhen. ­
  Früher  hatte  in  den  Wissenschaften  die  Beschreibung  uud  Klassifikation ­
  von  Tatsachen  wenig  Raum.  Sie  waren  irgendeiner  aprioristischen
Idee  untergeordnet,  die  auf  bedeutsamen,  aber  unvollkommen  beobachteten
Tatsachen  beruhte.  In  der  zweiten  Periode,  die  ebenso  fruchbar  ist  wie  die
erste  steril  war,  wird  die  entgegengesetzte  Methode  befolgt;  man  hat  sich
schrittweise  den  vorgefaßten  Meinungen  entzogen,  soweit  es  die  Schwäche  des
Menschengeistes  zuläßt.  Man  hat  das  aufmerksame  Studium  der  Erscheinungen
zur  Grundlage  ihrer  Bewertung  gemacht  und  hält  diese  Erscheinungen  nur
insoweit  für  genügend  bekannt,  als  man  ihr  Gewicht,  ihr  Maß,  ihr  genaues
Bild  geben  kann;  daraus  allein  glaubt  man  die  Theorie  darstellen  zu  können.
Unter  der  Herrschaft  dieser  Methode  erschöpfen  sich  nicht  mehr  die  wertvollsten ­
  Kräfte,  die  das  Streben  nach  Wahrheit  sich  zum  Ziele  setzen,  in  endlosen ­
  Diskussionen.  Die  wissenschaftlichen  Streitfragen,  die  früher  auf  entgegengesetzten ­
  Behauptungen  beruhten,  werden  jetzt  durch  immer  zuverlässigere ­
  Beobachtungen  entschieden.  —  Die  Sozialwissenschaft  hingegen  ist
in  dem  Zustande  des  Unvermögens  geblieben,  der  die  erste  Periode  der  Naturwissenschaften ­
  charakterisiert.  Sie  setzt  sich  aus  Systemen  zusammen,  die
ihre  Entstehung  der  wechselseitigen  Opposition  ihrer  Urheber  verdanken;  man
kann  daher  in  Wahrheit  sagen,  daß  diese  Wissenschaft  von  ihren  eigenen
Angehörigen  am  stärksten  bekämpft  wird.  Die  Debatten  über  die  Organisation
der  Arbeit,  des  Eigentums,  des  Tausches  sind  fast  ebenso  heftig,  wie  es
während  der  letzten  Jahrhunderte  die  über  die  Veränderung  der  Metalle,  die
Universalmedizin,  das  Phlogiston  waren;  sie  werden,  ebenso  wie  diese  klassischen ­
  Kontroversen,  unweigerlich  erlöschen  unter  dem  Einfluß  der  gleichen
Methode.  —
Aktuelle  Bedeutung  der  Methode  Le  Play’s.  Die  Frage,  ob
und  wie  es  möglich  ist,  die  Sozialwissenschaft  „naturwissenschaftlich“ ­
  zu  begründen,  ist  neuerdings  durch  Ehrenberg,  der  auf  den
Fundamenten  T  h  ü  n  e  n’s  weiterbaut,  wieder  aktuell  geworden.  Ehrenberg ­
  hat  dabei  den  bisherigen  Zustand  der  Sozialwissenschaft  ganz
ähnlich  kritisiert*),  wie  Le  Play  es  früher  schon  getan  hatte.
Unter  solchen  Umständen  ist  es  im  jetzigen  Augenblicke  besonders ­
  wichtig,  die  wissenschaftliche  Methode  Le  Play’s  genau
kennen  zu  lernen,  insbesondere  auch,  wie  aus  dieser  Methode,  die
in  seinem  ersten  Werke  „Les  ouvriers  europeens“  enthalten  ist,  sich
sein  zweites  Werk  „La  reforme  sociale“  entwickelt  hat;  es  ist  doch
auffallend,  daß  ein  Mann,  der  die  Notwendigkeit  so  klar  erkannte,

*)  Thünen-Archiv,  Bd.  I,  S.  1  ff.
            
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