Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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gnügte  ich  mich,  innerlich  zu  seufzen,  wenn  ich  den  Geschichtsprofessor  das
traurige  Wort  Ludwig  XIV.  preisen  hörte:  „L’etat  c’est  moi“.  Ich  ließ  mich
auch  nicht  blenden  durch  die  Vorlesungen  am  College  de  France,  wo  redegewandte ­
  Professoren  die  nationalen  Traditionen  herabsetzten  und  die  Entwicklung ­
  des  menschlichen  Geistes  als  obersten  Zweck  der  Zivilisation  priesen.
Ob  diese  Zurückhaltung  gegenüber  aller  Politik  als  wirkliche
Objektivität  anzusehen  ist,  oder  ob  sie  sich  daraus  erklärt,  daß  die
politischen  Anschauungen,  die  Le  Play  hier  in  Paris  hörte,  in  Gegensatz ­
  zu  denen  seiner  früheren  Lehrer  standen  und  sie  deshalb  ohne
weiteres  abgewiesen  wurden,  mag  dahingestellt  bleiben.  Le  Play
selbst  hielt  es  für  Objektivität;  er  glaubte,  daß  das  ländliche  Alleinsein, ­
  der  Schulunterricht  als  Externer,  die  Erziehung  und  Lehren
mehrerer  Gelehrter  ihn  befähigten,  die  sozialen  Phänomene  mit
freierem  Blick  anzusehen;  er  hielt  diese  Art  des  Unterrichts  für  so
wertvoll,  daß  er  daran  Hoffnungen  auf  Reform  des  Unterrichts
knüpfte.  Aber  es  ist  doch  auffallend,  daß  die  Entwicklung  Le  Play’s
von  der  Jugend  bis  zum  Alter  in  derselben  Richtung  ging,  daß  alle
späteren  Anschauungen  in  den  ersten  Lehren  der  Jugend  schon
vorgezeichnet  waren.  Objektivität  der  Jugend  ist  keine  natürliche
Erscheinung,  und  da  Le  Play  eigentlich  nie  andere  Anschauungen
vertreten  hat,  da  er  von  jeder  jugendlich-radikalen  Periode  verschont ­
  geblieben  ist,  so  taucht  die  Frage  auf,  ob  die  festgeprägten
Anschauungen  seiner  Lehrer  ihn  nicht  gehindert  haben,  die  Meinungen
anderer  vorurteilslos  zu  sehen  und  zu  prüfen.  Wenn  er  die  Entwicklung ­
  des  menschlichen  Geistes  nicht  als  Ziel  der  Zivilisation
anerkannte,  so  kam  das  wohl  daher,  daß  er  von  dem  Gedanken  an
ein  anderes  Ziel  erfüllt  war,  und  er  sagte  dies  auch  selbst:  er  war
„erfüllt  von  der  Idee  einer  ständischen  Ordnung“,  die  solche  Gewalt
über  ihn  hatte,  daß  ihm  jede  Erwähnung  des  Prinzips  der  absoluten
Monarchie  nur  einen  Seufzer  entlockte.  Auf  diese  Dinge  wird  später
zurückzukommen  sein.
Im  Jahre  1825  lernte  Le  Play  zwei  Berliner  Studenten  kennen,
mit  denen  er  häufige  Unterhaltungen  über  Rousseau  hatte.  Sie
zeigten  ihm  den  Hauptfehler  Rousseau’s  und  damit  den  Fehler  der
ganzen  Zeit:  daß  er  den  Menschen  von  Natur  gut  sein  ließ,  und
daß  erst  durch  die  herkömmlichen  Einrichtungen  der  Menschheit
das  Übel  in  die  Welt  gekommen  sein  soll.
Im  übrigen  widmete  sich  Le  Play  nur  seinen  Berufsstudien,  so
daß  er  fleißig  Fortschritte  machte.  Unterbrochen  wurden  diese
Studien  durch  eine  monatelange  Reise  nach  Deutsch ­
            
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