Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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kenntnis  zog  er  für  seine  eigene  sozialreformatorische  Tätigkeit  die
Konsequenzen.  Er  mied  seitdem  zunächst  alleLiteratur,
mit  Ausnahme  der  beruflichen  und  einiger  wissenschaftlicher  und
klassischer  Werke.
„Ich  schloß  mich  mit  einer  fast  ausschließlichen  Vorliebe  an  die  „lebenden ­
  Bücher“  an,  an  die  Heim-  und  Arbeitsstätten,  die  mir  erklärt  wurden
durch  die  sozialen  Autoritäten  einer  jeden  Gegend 1 ).“
Bei  jenen  umfassenden  Vergleichen,  durch  die  Le  Play  sich  die
Erreichung  seines  Zieles  sichern  wollte,  mußte  er  sich  besonders  in
fremden  Ländern  neben  der  eigenen  Beobachtung  auf  Gewährsmänner
stützen,  die  ihm  seine  Aufgabe  erleichterten,  die  ihm  vor  allem  aber
durch  ihre  praktische  Tätigkeit  und  ihre  Erfolge  in  der  sozialen
Praxis  zeigten,  wie  der  soziale  Friede  erhalten  werden  kann.  Seine
Überzeugung  war,  daß  dort,  wo  es  soziale  Autoritäten  gibt,  die  ihre
Pflicht  tun,  der  soziale  Friede  erhalten  werden  kann.  Deshalb
nehmen  sowohl  in  der  Methode  wie  im  Lehrsystem  Le  Play’s  die
„Sozialen  Autoritäten“  eine  hervorragende  Stellung  ein.  Im  Anschluß ­
  an  Plato  definiert  Le  Play  den  Begriff  „Soziale  Autoritäten“
folgendermaßen 2 ):
„Unter  der  Menge  finden  sich  immer  göttliche  Menschen,  gering
an  Zahl,  deren  Handeln  von  unschätzbarem  Werte  ist,  die  in  zivilisierten
Staaten  nicht  häufiger  als  in  anderen  geboren  werden.  Die  Bürger,  die  unter
einer  guten  Eegierung  leben,  müssen  der  Spur  dieser  Menschen,  die  sich  vor
Verderbnis  bewahrt  haben,  folgen  und  sie  über  Land  und  Meer  hin  suchen,
teils  um  das  Gute  in  den  Gesetzen  ihres  Landes  bestätigt  zu  sehen,  teils  um
das  Mangelhafte  zu  verbessern.  Es  ist  nicht  möglich,  daß  unser  Gemeinwesen
jemals  vollkommen  ist,  wenn  man  diese  Beobachtungen  und  Untersuchungen
nicht  oder  schlecht  macht.“
Und  Le  Play  selbst  definiert  sie  als
„Menschen,  die  durch  ihre  eigenen  Tugenden  Muster  des  Privatlebens  geworden ­
  sind;  die  eine  große  Neigung  zum  Guten  zeigen,  bei  allen  Völkern,
in  allen  Ständen  und  sozialen  Verfassungen;  die  durch  das  Beispiel  ihres
Hauses  und  ihrer  Arbeitsstätte  wie  durch  die  peinliche  Beobachtung  der  göttlichen ­
  Gebote  und  der  Gewohnheiten  des  sozialen  Priedens  die  Zuneigung  und
den  Respekt  ihrer  ganzen  Umgebung  erlangen;  die  endlich  Glück  und  Frieden
in  ihrer  Nachbarschaft  zur  Herrschaft  bringen.“
Diese  sehr  allgemeine  Definition  wird  ergänzt  durch  weitere  Ausführungen ­
  an  anderen  Stellen.

')  0.  E.  I,  619.
2 )  0.  E.  I,  Vokabularium,  S.  446.

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