Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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Die  methodische  Analyse  aller  Arbeiten,  die  von  den  einzelnen  Familiengliedern ­
  ausgeführt  werden,  ist  im  Grunde  genommen  die  genaueste  Definition,
die  man  von  der  sozialen  Lage  der  Familie  und  von  ihren  sittlichen  und  intellektuellen ­
  Gewohnheiten  geben  kann;  und  andererseits  sind  die  übrigen
Einnahmequellen  zwar  verschieden  vom  Arbeitslohn,  aber  doch  meist  mit  der
Arbeit  auf  die  innigste  und  unmittelbarste  Art  verbunden  *).
Die  Arbeiten  der  einzelnen  Familienglieder  betrachtet  Le  Play  getrennt ­
  voneinander  und  berechnet  Zeit  und  Lohn  jeder  Arbeit
für  sich.
Le  Play  beklagt  die  Tendenz  der  modernen  industriellen  Entwicklung, ­
  die  Arbeit  immer  mehr  zu  teilen,  Frauen  und  Kinder
immer  mehr  zur  Berufsarbeit  heranzuziehen.  Doch  können  wir  auf
diese  seine  Anschauungen  nicht  näher  eingehen.  Le  Play’s  Maßstäbe ­
  bei  Beurteilung  dieser  Fragen  waren  teils  ethische  (Beeinträchtigung ­
  des  Familienlebens),  teils  volkshygienische,  welche  letztere
er  bei  Beurteilung  der  Frauenarbeit  deutlich  von  jenen  anderen
sondert  :
Es  ist  nicht  nur  eine  Frage  der  Humanität,  sondern  eine  kluge  volkswirtschaftliche ­
  Maßnahme,  die  Frau  von  allzu  schwerer  Arbeit  zu  entlasten  2 ).
Der  Begriff  des  „Arbeitslohns“  wird  von  Le  Play  so  weit  gefaßt, ­
  daß  für  die  vierte  Einnahmequelle,  für  den  gewerblichen
Hausfleiß,  nicht  allzu  viel  übrig  bleibt.  Infolgedessen  legt
Le  Play  ihr  mehr  eine  moralische  als  eine  wirtschaftliche  Bedeutung ­
  bei,  wobei  er  indes  bemerkt,  daß  diese  nicht  für  alle
Arbeiterarten  die  gleiche  ist,  vielleicht  im  allgemeinen  mit
jeder  höheren  Stufe  wächst.  Er  bezeichnet  solche  Arbeiten  als
„Gymnastik  des  Eigentums“,  als  „Lehrzeit  des  Eigentums“.  Sie
regen  den  Spartrieb  an  und  reizen  zur  Erhaltung  des  Ersparten;
durch  die  Erziehung  zur  Wirtschaftlichkeit  und  Mäßigkeit  erheben
sie  den  Arbeiter  auf  eine  höhere  soziale  Stufe.  Zugleich  verschaffen
sie  ihm  auch  manche  Einnahmen,  wobei  besonders  wertvoll  ist,  daß
diese  meist  von  wirtschaftlichen  Krisen  unabhängig  sind.  Solche
Nebenarbeiten  sind  auch  das  geeignete  Tätigkeitsfeld  für  die  schwachen
Familienglieder.  Sie  werden  in  oder  bei  dem  Hause  ausgeführt
und  bewahren  so  die  Unabhängigkeit  der  Familie  und  den  moralischen ­
  Einfluß  des  Hauses  auf  Frau  und  Kinder.  Letzteren  geben
sie  noch  besonders  Gelegenheit,  ihre  Intelligenz  und  Handfertigkeit
kräftig  zu  entwickeln.
*)  0.  E.,  1.  Aufl.,  27.
2 )  0.  E.,  1.  Aufl.,  28.
            
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