Full text: Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

56 
Die zahlreichen Einzelheiten . . . die sich im Schema aller Mono 
graphien finden, können nur mit Hilfe einer langen und minutiösen Erhebung 
gewonnen werden. Um sie gut durchzuführen, muß der Beobachter in alle 
Teile der Wohnung eindringen: Möbel, Haushaltungsgegenstände, Wäsche, 
Kleidung, die Höhe der verfügbaren Geldsummen, die Haustiere, das Arbeits 
material, kurz: das Eigentum der Familie inventarisieren; er muß die Vorräte 
schätzen, die Nahrungsmittel wiegen, die je nach der Jahreszeit zu den 
Speisen verwendet werden; ferner die Arbeiten der Familie innerhalb und 
außerhalb des Hauses verfolgen. Das Studium der häuslichen Arbeiten ist 
mitunter unendlich kompliziert, besonders bei den einfachen Völkern, die selbst 
die Webstoffe bauen, ihre Kleider anfertigen und alles selbst produzieren bis 
zur Seife, die zum Waschen ihrer Kleidung nötig ist. Noch feinere Unter 
suchungen sind die, welche sich auf das intellektuelle und moralische Leben 
beziehen, auf Keligion, Erziehung, Erholung, auf die Eltern- und Freund 
schaftsgefühle, auf die Beziehungen zum Unternehmer, zu den Mitarbeitern, 
Dienstboten und Lehrlingen, und endlich auf die Besonderheiten der Geschichte 
der Familie. 
Le Play gibt seinen Schülern für die Behandlung der einzelnen 
Familienglieder einige Ratschläge aus dem Schatze seiner Er 
fahrungen und seiner Menschenkenntnis. Aber abgesehen davon, 
daß sich die Menschenbehandlung vielleicht gar nicht erlernen läßt, 
sind die Schwierigkeiten, die in der Materie selbst liegen, immer 
noch sehr groß, auch alle Geschicklichkeit des Beobachters voraus 
gesetzt. Le Play fährt fort 1 ): 
Andererseits ist der Beobachter in eine ihm unbekannte Welt versetzt 
und anfangs nur wenig dazu befähigt, die Bestimmung der Gegenstände zu 
verstehen, das Jneinandergreifen der Arbeiten, den wahren Sinn der Ideen 
und die genaue Wiedergabe der Gefühle. Er muß also unzählige Fragen an 
die Familie richten und das bedeutet für diese einen Zeitverlust. Die Schwierig 
keit wächst noch in den zahlreichen Fällen, wo der Beobachter bei der Be 
fragung eine durch die lokale Mundart veränderte fremde Sprache anwenden 
muß. (Die Kenntnis der fremden Sprache ist also schon Voraussetzung.) So 
ist verauszusehen, daß die häufigen Fragen den Personen eine große geistige 
Ermüdung auferlegen, die an Nachdenken nicht gewöhnt und wenig geeignet 
sind, ihre Gedanken logisch zu ordnen. 
Schlußbemerkungen über den Wert der Familien-Mono- 
grapliien. Trotz dieser außerordentlich großen Schwierigkeiten hat 
Le Play selbst erklärt, er habe keine Monographie aufgenommen, 
die nicht zu seiner eigenen Zufriedenheit und zu derjenigen der 
untersuchten Familie ausgefallen wäre. Ob das wirklich ausreichte, 
wird später zu untersuchen sein. Aber soviel ist gewiß: die mono 
graphische Methode an sich war ein Präzisions-Instrument, wie es 
*) 0. E. I, 222.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.