Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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Die  zahlreichen  Einzelheiten  .  .  .  die  sich  im  Schema  aller  Monographien ­
  finden,  können  nur  mit  Hilfe  einer  langen  und  minutiösen  Erhebung
gewonnen  werden.  Um  sie  gut  durchzuführen,  muß  der  Beobachter  in  alle
Teile  der  Wohnung  eindringen:  Möbel,  Haushaltungsgegenstände,  Wäsche,
Kleidung,  die  Höhe  der  verfügbaren  Geldsummen,  die  Haustiere,  das  Arbeitsmaterial, ­
  kurz:  das  Eigentum  der  Familie  inventarisieren;  er  muß  die  Vorräte
schätzen,  die  Nahrungsmittel  wiegen,  die  je  nach  der  Jahreszeit  zu  den
Speisen  verwendet  werden;  ferner  die  Arbeiten  der  Familie  innerhalb  und
außerhalb  des  Hauses  verfolgen.  Das  Studium  der  häuslichen  Arbeiten  ist
mitunter  unendlich  kompliziert,  besonders  bei  den  einfachen  Völkern,  die  selbst
die  Webstoffe  bauen,  ihre  Kleider  anfertigen  und  alles  selbst  produzieren  bis
zur  Seife,  die  zum  Waschen  ihrer  Kleidung  nötig  ist.  Noch  feinere  Untersuchungen ­
  sind  die,  welche  sich  auf  das  intellektuelle  und  moralische  Leben
beziehen,  auf  Keligion,  Erziehung,  Erholung,  auf  die  Eltern-  und  Freundschaftsgefühle, ­
  auf  die  Beziehungen  zum  Unternehmer,  zu  den  Mitarbeitern,
Dienstboten  und  Lehrlingen,  und  endlich  auf  die  Besonderheiten  der  Geschichte
der  Familie.
Le  Play  gibt  seinen  Schülern  für  die  Behandlung  der  einzelnen
Familienglieder  einige  Ratschläge  aus  dem  Schatze  seiner  Erfahrungen ­
  und  seiner  Menschenkenntnis.  Aber  abgesehen  davon,
daß  sich  die  Menschenbehandlung  vielleicht  gar  nicht  erlernen  läßt,
sind  die  Schwierigkeiten,  die  in  der  Materie  selbst  liegen,  immer
noch  sehr  groß,  auch  alle  Geschicklichkeit  des  Beobachters  vorausgesetzt. ­
  Le  Play  fährt  fort 1 ):
Andererseits  ist  der  Beobachter  in  eine  ihm  unbekannte  Welt  versetzt
und  anfangs  nur  wenig  dazu  befähigt,  die  Bestimmung  der  Gegenstände  zu
verstehen,  das  Jneinandergreifen  der  Arbeiten,  den  wahren  Sinn  der  Ideen
und  die  genaue  Wiedergabe  der  Gefühle.  Er  muß  also  unzählige  Fragen  an
die  Familie  richten  und  das  bedeutet  für  diese  einen  Zeitverlust.  Die  Schwierigkeit ­
  wächst  noch  in  den  zahlreichen  Fällen,  wo  der  Beobachter  bei  der  Befragung ­
  eine  durch  die  lokale  Mundart  veränderte  fremde  Sprache  anwenden
muß.  (Die  Kenntnis  der  fremden  Sprache  ist  also  schon  Voraussetzung.)  So
ist  verauszusehen,  daß  die  häufigen  Fragen  den  Personen  eine  große  geistige
Ermüdung  auferlegen,  die  an  Nachdenken  nicht  gewöhnt  und  wenig  geeignet
sind,  ihre  Gedanken  logisch  zu  ordnen.
Schlußbemerkungen  über  den  Wert  der  Familien-Monograpliien.
  Trotz  dieser  außerordentlich  großen  Schwierigkeiten  hat
Le  Play  selbst  erklärt,  er  habe  keine  Monographie  aufgenommen,
die  nicht  zu  seiner  eigenen  Zufriedenheit  und  zu  derjenigen  der
untersuchten  Familie  ausgefallen  wäre.  Ob  das  wirklich  ausreichte,
wird  später  zu  untersuchen  sein.  Aber  soviel  ist  gewiß:  die  monographische ­
  Methode  an  sich  war  ein  Präzisions-Instrument,  wie  es

*)  0.  E.  I,  222.
            
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