Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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ein  Volk  oder  ein  Land  erstrecken;  denn  daraus  gewinnt  man
keine  allgemeinen  Gesetze;  vielmehr  ist  man  so  immer  der  Gefahr
ausgesetzt,  das  Akzessorische  einer  Erscheinung  für  ihr  Wesen  zu
halten  und  kommt  so  zu  falschen  Ergebnissen.  Die  Beobachtung
vieler  Länder  hielt  Le  Play  für  die  richtige  Methode  der  Sozialwissenschaft, ­
  für  die  „Soziale  Methode“.  Sie  stellt  Le  Play  in
Parallele  zu  den  exakten  Methoden  der  Naturwissenschaften,  indem
er  sagt a ):
Die  Eeisen  sind  für  die  Gesellschaftswissenschaft  das,  was  die  chemische
Analyse  für  die  Wissenschaft  von  den  Mineralien,  das  Kräutersammeln  für  die
Botanik  ist,  oder  allgemeiner:  was  die  Beobachtung  der  Tatsachen  für  alle
Naturwissenschaften  ist.
Le  Play  sammelt  zunächst  Tatsachen,  um  das  Leben  der  Völker
im  einzelnen  kennen  zu  lernen.  Aus  diesen  Tatsachen  zieht  er
Schlüsse  und  steigt  so  „par  deduction“  zu  den  Grundlagen  alles
sozialen  Lebens  auf.  Durch  Anwendung  dieser  Schlüsse  auf  die
Gegenwart  gewinnt  er  die  Leitsätze  für  die  soziale  Eeform.  Die
Tatsachen,  wie  die  daraus  abgeleiteten  Grundsätze  kontrolliert  Le
Play  durch  neue  Beobachtungen  und  das  Urteil  erfahrener  Praktiker,
der  „Sozialen  Autoritäten“.
Die  Einwände,  die  man  gegen  die  durch  diese  Methode  dokumentierte ­
  Anschauung  von  der  Gesetzmäßigkeit  alles  sozialen  Geschehens ­
  und  der  Gleichstellung  der  Sozialwissenschaft  mit  den
exakten  Naturwissenschaften  erheben  könnte,  sucht  Tourville  zu
widerlegen.
Zunächst  wird  oft  gesagt,  daß  die  sozialen  Erscheinungen  vom
freien  Willen  des  Menschen  abhängig  sind,  womit  die  Gesetzmäßigkeit ­
  aufhöre.  Tourville  sieht  hierin  „eines  der  schönsten
Sophismen,  das  man  aufstellen  kann“:
Der  Mensch  bedient  sich  zur  Erreichung  des  von  ihm  gewählten  Zweckes
der  Gesetze,  die  von  Gott  festgelegt  sind.  Das  ist  die  Verbindung  der  menschlichen ­
  Dreiheit  mit  der  gesetzten  Ordnung.
Man  kann  das  auch  umgekehrt  ausdrücken:  der  menschliche  Wille
ist  ein  Teil  der  menschlichen  Ordnung.  Oder  um  Wundt  zu  folgen:
„Unser  Denken  und  Wollen  erscheint  uns  nicht  etwa  deshalb  frei,
weil  es  keinen  Gesetzen  folgt,  sondern  weil  es  von  solchen  Gesetzen
bestimmt  wird,  die  in  uns  selbst  liegen.“

*)  Le  Play,  „La  methode  sociale“  1879.  Avertissement.
            
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