Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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Ein  zweiter  Einwand  ist  der,  daß  es  wohl  eine  Sozialwissenschaft ­
  gebe,  daß  sie  aber  der  Beobachtung  nicht  bedürfe,  sondern
direkt  von  der  menschlichen  Vernunft  ausgehe.  Dem
widerspricht  Tourville  sehr  entschieden.  Aus  zwei  Gründen  kann
die  menschliche  Erkenntnis  die  Beobachtung  nicht  entbehren:  einmal ­
  umfaßt  die  „Vernunft“,  d.  h.  hier  die  rein  spekulative  Denkweise
nicht  alles,  besonders  nicht  alle  Erfordernisse  des  sozialen  Lebens,
z.  B.  Arbeitsmethoden,  Löhne  usw.  Dann  aber  erfordert  jede  Erkenntnis ­
  a  priori  doch  wieder  Beobachtungsarbeit,  sobald  es  sich  um
ihre  praktische  Anwendung  handelt.
Ein  letzter  Einwand  besagt:  Gut,  rühmt  die  Lebenserfahrung!
Aber  nennt  das  nicht  Wissenschaft!  Das  ist  reine  Erfahrung!
Dieser  Einwand  wäre  berechtigt,  wenn  die  Tätigkeit  Le  Play’s  nur
darin  bestanden  hätte,  das  Tatsachen-Material,  das  ihm  von  den
„Sozialen  Autoritäten“  geliefert  wurde,  einfach  weiterzugeben;  oder
—  da  es  sich  ja  hier  um  die  Prinzipien  der  ganzen  Methode  handelt
und  nicht  nur  darum,  wie  speziell  Le  Play  gearbeitet  hat  —,  wenn
es  überhaupt  unmöglich  wäre,  aus  dieser  Mannigfaltigkeit  der  Erfahrung ­
  mehr  herauszuholen,  als  in  der  einzelnen  Erfahrungstatsache
an  sich  schon  liegt,  wenn  es  also  unmöglich  wäre  das  Allgemeingültige ­
  der  Erfahrungen  festzustellen.  Das  ist  aber  keineswegs
der  Fall 1 ).  Schon  Le  Play  hat  mehr  getan.  Wenn  er  sich  auch
selbst  lediglich  als  „Sekretär  der  sozialen  Autoritäten“  bezeichnete,
so  ist  das  nur  übertriebene  Bescheidenheit  und  keine  Kennzeichnung
seiner  wissenschaftlichen  Arbeit.  Er  hat  mindestens  versucht,  die
Praxis  in  Wissenschaft  zu  verwandeln,  aus  den  einzelnen  Erfahrungstatsachen ­
  allgemeingültige  Ergebnisse  zu  gewinnen.  Es  sei  hier  an
seine  Äußerung  über  die  „Sozialen  Autoritäten“  erinnert 2 ):
Anf  gewisse  wohlüberlegte  Fragen  geben  sie  fast  übereinstimmende  Antworten; ­
  aber  gleichzeitig  bezeichnen  sie  es  als  eine  Unmöglichkeit,  daraus
allgemeine  Vorschriften  und  Gesetze  abzuleiten.
Damit  ist  der  Unterschied  zwischen  Praxis  und  Wissenschaft  gegeben ­
  ;  denn  die  Aufgabe  der  Wissenschaft  ist  es,  allgemein  gültige
Kausalverknüpfungen  zu  finden.
Ob  es  freilich  Le  Play  gelungen  ist,  die  rein  praktische  Lebensweisheit ­
  seiner  „Sozialen  Autoritäten“  in  Wissenschaft  umzusetzen,

*)  Archiv  für  exakte  Wirtschaftforschung  II,  548  ff.
2 )  Kef.  soc.  I,  S.  XIII.
            
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