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Ein zweiter Einwand ist der, daß es wohl eine Sozialwissen
schaft gebe, daß sie aber der Beobachtung nicht bedürfe, sondern
direkt von der menschlichen Vernunft ausgehe. Dem
widerspricht Tourville sehr entschieden. Aus zwei Gründen kann
die menschliche Erkenntnis die Beobachtung nicht entbehren: ein
mal umfaßt die „Vernunft“, d. h. hier die rein spekulative Denkweise
nicht alles, besonders nicht alle Erfordernisse des sozialen Lebens,
z. B. Arbeitsmethoden, Löhne usw. Dann aber erfordert jede Er
kenntnis a priori doch wieder Beobachtungsarbeit, sobald es sich um
ihre praktische Anwendung handelt.
Ein letzter Einwand besagt: Gut, rühmt die Lebenserfahrung!
Aber nennt das nicht Wissenschaft! Das ist reine Erfahrung!
Dieser Einwand wäre berechtigt, wenn die Tätigkeit Le Play’s nur
darin bestanden hätte, das Tatsachen-Material, das ihm von den
„Sozialen Autoritäten“ geliefert wurde, einfach weiterzugeben; oder
— da es sich ja hier um die Prinzipien der ganzen Methode handelt
und nicht nur darum, wie speziell Le Play gearbeitet hat —, wenn
es überhaupt unmöglich wäre, aus dieser Mannigfaltigkeit der Er
fahrung mehr herauszuholen, als in der einzelnen Erfahrungstatsache
an sich schon liegt, wenn es also unmöglich wäre das Allgemein
gültige der Erfahrungen festzustellen. Das ist aber keineswegs
der Fall 1 ). Schon Le Play hat mehr getan. Wenn er sich auch
selbst lediglich als „Sekretär der sozialen Autoritäten“ bezeichnete,
so ist das nur übertriebene Bescheidenheit und keine Kennzeichnung
seiner wissenschaftlichen Arbeit. Er hat mindestens versucht, die
Praxis in Wissenschaft zu verwandeln, aus den einzelnen Erfahrungs
tatsachen allgemeingültige Ergebnisse zu gewinnen. Es sei hier an
seine Äußerung über die „Sozialen Autoritäten“ erinnert 2 ):
Anf gewisse wohlüberlegte Fragen geben sie fast übereinstimmende Ant
worten; aber gleichzeitig bezeichnen sie es als eine Unmöglichkeit, daraus
allgemeine Vorschriften und Gesetze abzuleiten.
Damit ist der Unterschied zwischen Praxis und Wissenschaft ge
geben ; denn die Aufgabe der Wissenschaft ist es, allgemein gültige
Kausalverknüpfungen zu finden.
Ob es freilich Le Play gelungen ist, die rein praktische Lebens
weisheit seiner „Sozialen Autoritäten“ in Wissenschaft umzusetzen,
*) Archiv für exakte Wirtschaftforschung II, 548 ff.
2 ) Kef. soc. I, S. XIII.