Full text : Frédéric Le Play in seiner Bedeutung für die Entwicklung der sozialwissenschaftlichen Methode

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alten  vor.  Seine  Urteile  in  dieser  Hinsicht  sind  oft  sehr  richtig,
oft  gehen  sie  aber  viel  zu  weit.  Le  Play  ist  der  naheliegenden
Gefahr  erlegen,  vom  Alten  nur  die  besten  Seiten  zu  sehen  und  sie  ]
lediglich  in  Gegensatz  zu  den  schlimmen  Seiten  der  Neuerungen
zu  stellen.
Um  ein  einzelnes  Beispiel  schon  hier  anzuführen:  hei  Betrachtung ­
  der  rapiden  Entwicklung  des  Kuhrkohlenbergbaues  seit  seinen
früheren  Beobachtungen  (vor  1850)  sagt  Le  Play  mit  bezug  auf
die  zunehmenden  Klassengegensätze 1 ):
Die  soziale  Plage  ist  hinfort  endemisch  in  der  sächsischen  Ebene,  wie
Cholera  und  Pest  in  den  warmen  Regionen  des  alten  Kontinents.  Sie  ist
hervorgebracht  worden  durch  die  mächtigen  Einflüsse,  die  mehr  und  mehr  die
Arbeitsstätten  beherrschen.  Die  Finanzleute  und  Spekulanten  unserer  Zeit
haben  keineswegs  die  Traditionen  der  Männer  bewahrt,  die  im  16.  und  17.  Jahrhundert ­
  die  großen  Industrie-  und  Handelsunternehmungen  gründeten,  die  noch
heute  Muster  des  sozialen  Friedens  und  der  Stabilität  sind.  Durch  die  unbegrenzten ­
  Kräfte,  die  ihnen  die  Kohle  lieferte,  aus  den  Wegen  der  Tradition
herausgestoßen,  haben  sie  durch  ihre  fieberhafte  Tätigkeit  die  ausgezeichneten
Patronagebeziehungen  zerstört,  die  ich  lange  Zeit  in  den  Fabriken  Elberfelds
und  Solingens  bewundert  habe.
Es  ist  wirkungsvoll,  wie  Le  Play  hier  die  alte  und  die  neue
Zeit  einander  gegenüberstellt,  oft  beides  auf  Grund  eigener  Beobachtung. ­
  Wenn  man  aber  seine  Darstellung  der  Solinger  Verhältnisse ­
  liest,  auf  die  er  hier  verweist,  so  ist  von  den  „ausgezeichneten
Patronage-Beziehungen“  nicht  sehr  viel  zu  finden.  Und  bei  einer
kritischen  Betrachtung  jener  Darstellung  der  Solinger  Verhältnisse
wird  sich  zeigen,  daß  Le  Play  das  Gute  und  das  Schlechte  an  den
alten  Verhältnissen  mit  zweierlei  Maß  gemessen  hat:  das  Gute  sah
er  zu  gut  und  das  Schlechte  sah  er  entweder  gar  nicht  oder  doch
stark  gemildert.
So  glaubte  Le  Play  schließlich  doch,  in  seiner  Weltanschauung ­
  einen  Bewertungsmaßstab  für  die  gegenwärtigen  Verhältnisse ­
  zu  besitzen.  Aber  dieser  Maßstab  verhinderte  ihn,  die
Dinge  objektiv,  naturwissenschaftlich  zu  erfassen.  Die  einseitige
Bewertung  der  Tradition  nimmt  einen  dogmatischen  Charakter  an,
dem  sich  auch  die  beobachteten  Tatsachen  anpassen  müssen.  Zweifellos ­
  haben  letztere  auf  seine  Weltanschauung  stark  eingewirkt  (Harz,
Ural),  aber  doch  nur  in  einem  verhältnismäßig  begrenzten,  von
vornherein  gegebenen  Rahmen.  Er  versuchte  zwar,  diesen  Rahmen

‘)  0.  E.  IV,  563  ff.

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