Die Doppelseitigkeit des Gruppenlebens.
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Diejenige Teilgruppe, die am meisten gemeinschaftliche Angelegen-
heiten zu verwalten hat, ist auf tieferen Stufen bekanntlich die Sippe
($ 40), während ihr auf höheren Stufen und bei den Naturvölkern durch
den Einbruch der europäischen Kultur immer mehr Angelegenheiten teils
zugunsten der Familie teils zugunsten des freien Individuums entzogen
werden. Auf die entsprechende Verschiebung der geistigen Kultur sei
hier noch kurz hingewiesen. Die religiösen Dinge sind auf tieferen Stu-
fen bekanntlich durchweg Angelegenheit einer Gruppe, sei es des Stam-
mes oder der Sippe oder einer besonderen Kultgemeinschaft. Noch stär-
ker ist die Verschiebung auf dem Gebiete der Kunst. Was wir Volks-
kunst nennen, ist überwiegend Gruppenangelegenheit; namentlich Tänze,
Lieder und mimische Aufführungen gehören zum größten Teil diesem
Typus an. Bemerkenswert ist, wie die bildende Kunst zum großen Teil
von Anfang an als persönliche Angelegenheit erscheint. Auch bei dem
Wissensschatg ist eine ähnliche Verschiebung festzustellen. Die moderne
wissenschaftliche Erkenntnis ist überwiegend persönliche Angelegenheit,
obschon bis heute als Träger gewisser Anschauungen ganze Schulen er-
scheinen. In primitiven Verhältnissen ist der Wissensschag, der sich hier
in erster Linie aus religiösen und mythischen Vorstellungen über den
eigenen Stamm und die Nachbarstämme zusammensegt, durchweg eine
Gruppenangelegenheit und gehört speziell zu dem sogenannten Bekennt-
aisschag der Gruppe ($ 33).
Die fortschreitende Individualisierung im Bereich der modernen Kultur hat frei-
lich gewisse Grenzen. Sie kann nicht zu einer vollständigen Zerstörung aller Grup-
oenangelegenheiten bei den stärker entfalteten Gruppen führen. Mindestens eine
Klasse von Angelegenheiten bleibt dieser Art von Gruppen stets erhalten: die-
jenige, die aus dem Lebensdrang und Machtdrang der Gruppe hervorgeht ($ 31). So
hat sich der Liberalismus bekanntlich geirrt, wenn er dem Staat den Charakter einer
bloßen Ordnungs- und Sicherheitsorganisation nach Art etwa einer Handelsgesellschaft,
also den Charakter einer äußerst schwachen Gruppe zuschrieb. Wie stark das natio-
nale Selbstgefühl und der Machtwille des Staates auch in den modernen europäischen
Kulturen ist, selbst in einem anscheinend rein industriellen Lande wie Amerika,
darüber hat uns zum mindesten der Weltkrieg aufgeklärt.
3. Der Lebensprozeß, der innerhalb der Gruppe verläuft, bewegt sich
in zwei verschiedenen Strömen: einerseits als Eigenleben der
Gruppe, anderseits als persönliches Leben der Gruppen-
genossen. Die Einheit für die legtere Form braucht nicht das Individuum
zu sein, vielmehr kommen auch Untergruppen wie die Familie als ihre
Träger in Frage. Wenn z. B. eine Familie als Einheit ihrem Nahrungs-
erwerb nachgeht, so vollzieht sich darin kein Prozeß der übergeordneten
Gruppe. Auch für dieses persönliche Leben, das sich im Rahmen der
Gruppe (aber nicht als ein Teil ihres Eigenlebens) vollzieht. behält die