Full text: Wohlfahrtzentrale der Stadt Barmen

teilnahmlos vorübergehen. Frühzeitig darum — in der Gefehichte der Völker—begegnen wir der 
Kunft aul den Spuren des Krieges. Sie fuchi Eindrücke aufzufangen, Vorftellungen zu vermitteln. 
Sie wird zum Medium zwifchen den Kämpfern der Feldfchlacht und den Daheimgebliebenen; mehr 
als das, zum Bindeglied zwifchen Gegenwart und Zukunft. Was die Stunde an fürchterlichem Ge- 
fchehen reifen lägt, der Spiegel der Kunft — gleichviel, ob er treu oder verzerrend empfangt — 
wird kommenden Gefchlechtern ein Bild diefer Gefchehnüfe zutragen. Neben dem Selbftzweck 
der künftlerifchen Tat an fich, wird darum jeder dem Kriege dienenden Kunft noch ein kulturge- 
fchichtlicher Wert innewohnen; wird ihr eine Bedeutung als Hilfsmittel der Wiffenfchaft zugebilligt 
werden müffen. )e nadi ihrer individuellen Richtung wird diere Kunft die rauhen — und zuweilen 
— rohen Begebenheiten des Augenblicks in den Adel der höheren Idee emporheben, wird fie 
begeiftert und zufiimmend oder erbarmungslos kriiifch und bisweilen abfichtlich entftellend die 
Dinge gehalten, die in ihren Gefichtskreis fallen. Die inbrünftigen Kriegsapologien in der bildenden 
Kunft find nidit minder häufig, als die graufamfien Kriegskarrikaturen. Die einen, wie die anderen, 
aber können für den Gefchichtsforfcher — den rückwärts gewandten Philofophen — als gleicher 
maßen belehrend und nüßlich gelten. 
Ein Sondergebiet unter der Fülle kriegerifcher Gefchidrte beanfprudit der ungeheure Komplex 
des Krankenwefens im Feldzuge. Verwundetenfürforge, Frauenhilfe, Feldchirurgie — ganz abzu- 
felien von dem heroifchen Stoff des Todes auf dem Sdiladitfelde — bielen dem Künftler, der mit 
Pinfel, Stift oder Meißel feinen Eindrücken Ausdrude fchenkt, eine Fülle dankenswerter Anregungen. 
Charitas dient dem Apoll. 
Es ift ein Verdienft der gegenwärtig in Barmen in der Stadthalle flattfindenden „Aus 
heilung für V er wundeten- undKrankenfürforge im Kriege“, gerade diefem Gebiet 
befondere Aufmerkfamkeii gefchenkt zu haben durdi die Schaffung einer kunhhiftorifchen Abteilung 
von hervorragend gefehickter Anordnung und gefchmackvoller Zufammenflellung. 
Man fchreitet in den Räumen diefer Ausheilung durch Leid und Leiden. Gewiß. Und immer 
fleht die Kriegsfurie als große Bewegerin, als treibende Kraft hinter Qual und Sterben. Aber 
ebenfo zieht Tidi durch den Anfchauungsunterricht diefer darhellenden Gefchichte die tröhliche Ge 
wißheit eines großen Gedankens, der auf Erhaltung, nicht auf Zerftörung abzielt. Und das ih der 
Gedanke der Llilfsbereiifchaft. Er verbindet Völker, Zeiten und Kulturen. Ihm begegnen wir in 
Plaftik, Malerei und Graphik aller Gefchichtsepochen. 
Seltfam nur, wie felbh der Begriff des Schreckens fich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt 
hat. Die Gefahren des „männermordenden" Krieges von ehedem — fiehe Altertum und Mittelalter 
— erfdieinen uns nahezu kindlich und naiv, gemeffen an den Vernichtungsmöglichkeiten des 
modernen Krieges. 
Auf den archaiftifchen Darhellungen frühefter Zeitalter zeigt fich eine gewiffe maßvolle Be- 
fehaulichkeit der Vorgänge. Der Schmerz wird nicht offenbar. In der Antike zumal mit ihrem hreng 
formalen Denken wird ihm oh nicht viel mehr als die Rolle einer befonders kleidfeimen Gebärde 
zuteil. Wenn man auf der Schale des Sofias Achill den Arm des Patroklos verbinden, auf 
pompeianifchen Fresken den Arzt Japyx mit einer Zange den Pfeil aus dem Schenkel des Aeneas 
herausziehen oder auf einem Basrelief der Trajansföule Militärärzte römifche Legionäre behandeln 
und verbinden fieht, fo wird überall eine gewiffe vornehme und ruhige Linienführung des Leidens 
auffallen. Die realihifche Qual, das heißt die Verzerrung ins Unfchöne, fehlt. Selbh bei einem fo 
noturwahren Meiherwerk, wie dem weltberühmten „Sterbenden Gallier“, fällt die Rückfichtslofigkeit 
des rein Gegenhändlichen weg. Auch hier handelt es fich mehr um eine Verkörperung der Idee 
des Schmerzes, als um den Schmerz felbh. 
Der fchonungslofen Wirklichkeit erheblich näher gekommen ih fchon das Mittelalter, das die 
Tradition edler Formenfprache nidit mehr zu hüten brauchte und das feinem Drang zu Derbheit 
und Unverblümtheit auch in der bildenden Kunft — insbefondere dort, wo es fich um Wiedergabe 
von Kriegsgreueln handelte — freien Lauf ließ. Die Ausbreitung der Seuchen, in deren Gefolge 
Scheußlichkeiten jeder Art mitliefen, unterhüßte die überhandnehmende Drahik bildlicher Darhellungen 
aus dem Bereiche der Heilkunde wefenilich. So redrt eigentlich mittelalterlich — d. h. überholt, 
nahezu unglaubwürdig im Sachlidien und nicht feiten voll grobkörniger Komik im Bildhaften — 
muten die Blätter aus der Landsknechtzeit an. Ach, diefe prachtvollen pluderwamfigen, ketten-
	        
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