— 132
schen Reichstage bei der Einbringung des neuen Handelsvertrages
am 1. Februar 1905 vorgelegte Denkschrift behauptet,
daß eine Ausdehnung des deutschen Jndustrieexports nach
Rußland bei dem fortgeschrittenen Stande der russischen Industrie
kaum oder nur sehr schwer möglich fei 1 )* Dies trifft
jedenfalls nicht für die oberschlesische Steinkohlen- und Eisenindustrie
Zu, der im Wettbewerb mit der allein in Frage kommenden
südrussischen Montanindustrie für den polnischen und
angrenzenden russischen Markt ein bedeutender Frachtvorsprung
zur Verfügung steht. Die polnische Kohlen- und Eisenindustrie
steht auf recht schwachen Füßen. Nur die hohen Zölle gegen
Oberschlesien geben ihr Lebensfähigkeit, sodaß ihr Betrieb höchst
imwirtschaftlich erscheint. Neuerdings, da die Produktionskosten
der Donezsteinkohlc sich sehr ermäßigt haben, dringen
sogar diese nach einem zirka l l00 Kilometer langen Eisenbahnwege
immer mehr in Polen eil?). Die polnischen Hochöfen
sind nach Erschöpfung der eigenen Brauneisenerzlager auf die
1440 Kilometer entfernten Krivoi-Rog-Erze angewiesen^); da
die polnische Sandkohle nicht verkokt, müssen sie den Koks aus
Schlesien oder Mährisch-Ostrau bei teurem Eisenbahntransport
heranholen. So steht die polnische Eisenindustrie an einem
durchaus unwirtschaftlichen Standort und erweist deutlich ihre
Natur als NotgrimdungH:
Aus diesen Gründen ist die Politik der Handelsverträge
für Oberschlesien von ausschlaggebender Bedeutung.
Eine Oberschlesien günstige Handelspolitik kann seiner
Kohlen- und Eisenindustrie den bei bestimmten Verhältnissen
sehr aufnahmefähigen polnisch-russischen Markt erschließen. Die
1) B. Wittschewsky, S. 383.
2) Handelsbericht d. Generalkonsulats Warschau 1909/10,
S. I, No. 369. Die Fracht kommt mit dem Zoll auf 10—12 Mk. pro
Tonne.
3) Allerdings begünstigt durch billige Differentialtarife, s. u.
Th. Sehmer, S. 103 ff. Seine Meinung (S. 211), die von Oberschlesien
in Russ.-Polen angelegten Hochöfen seien bestimmt, nach
Absperrung der russ. Erzausfuhr Oberschlesien mit Roheisen zu
versorgen, ist aus den hier angeführten Gründen unhaltbar.
4) Dis Roheisengestehungskosten betrugen 1908 pro To. ca. 65
bis 70 Mk., also 10 bis 15 Mk. mehr als in Oberschlesien. Dazu ist
die Qualität nicht annähernd die gleiche.