Full text : Die oberschlesische Kohlen- u. Eisenindustrie

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schen  Reichstage  bei  der  Einbringung  des  neuen  Handelsvertrages ­
  am  1.  Februar  1905  vorgelegte  Denkschrift  behauptet,
daß  eine  Ausdehnung  des  deutschen  Jndustrieexports  nach
Rußland  bei  dem  fortgeschrittenen  Stande  der  russischen  Industrie ­
  kaum  oder  nur  sehr  schwer  möglich  fei 1 )*  Dies  trifft
jedenfalls  nicht  für  die  oberschlesische  Steinkohlen-  und  Eisenindustrie ­
  Zu,  der  im  Wettbewerb  mit  der  allein  in  Frage  kommenden ­
  südrussischen  Montanindustrie  für  den  polnischen  und
angrenzenden  russischen  Markt  ein  bedeutender  Frachtvorsprung
zur  Verfügung  steht.  Die  polnische  Kohlen-  und  Eisenindustrie
steht  auf  recht  schwachen  Füßen.  Nur  die  hohen  Zölle  gegen
Oberschlesien  geben  ihr  Lebensfähigkeit,  sodaß  ihr  Betrieb  höchst
imwirtschaftlich  erscheint.  Neuerdings,  da  die  Produktionskosten ­
  der  Donezsteinkohlc  sich  sehr  ermäßigt  haben,  dringen
sogar  diese  nach  einem  zirka  l  l00  Kilometer  langen  Eisenbahnwege ­
  immer  mehr  in  Polen  eil?).  Die  polnischen  Hochöfen
sind  nach  Erschöpfung  der  eigenen  Brauneisenerzlager  auf  die
1440  Kilometer  entfernten  Krivoi-Rog-Erze  angewiesen^);  da
die  polnische  Sandkohle  nicht  verkokt,  müssen  sie  den  Koks  aus
Schlesien  oder  Mährisch-Ostrau  bei  teurem  Eisenbahntransport
heranholen.  So  steht  die  polnische  Eisenindustrie  an  einem
durchaus  unwirtschaftlichen  Standort  und  erweist  deutlich  ihre
Natur  als  NotgrimdungH:
Aus  diesen  Gründen  ist  die  Politik  der  Handelsverträge
für  Oberschlesien  von  ausschlaggebender  Bedeutung.
Eine  Oberschlesien  günstige  Handelspolitik  kann  seiner
Kohlen-  und  Eisenindustrie  den  bei  bestimmten  Verhältnissen
sehr  aufnahmefähigen  polnisch-russischen  Markt  erschließen.  Die
1)  B.  Wittschewsky,  S.  383.
2)  Handelsbericht  d.  Generalkonsulats  Warschau  1909/10,
S.  I,  No.  369.  Die  Fracht  kommt  mit  dem  Zoll  auf  10—12  Mk.  pro
Tonne.
3)  Allerdings  begünstigt  durch  billige  Differentialtarife,  s.  u.
Th.  Sehmer,  S.  103  ff.  Seine  Meinung  (S.  211),  die  von  Oberschlesien ­
  in  Russ.-Polen  angelegten  Hochöfen  seien  bestimmt,  nach
Absperrung  der  russ.  Erzausfuhr  Oberschlesien  mit  Roheisen  zu
versorgen,  ist  aus  den  hier  angeführten  Gründen  unhaltbar.
4)  Dis  Roheisengestehungskosten  betrugen  1908  pro  To.  ca.  65
bis  70  Mk.,  also  10  bis  15  Mk.  mehr  als  in  Oberschlesien.  Dazu  ist
die  Qualität  nicht  annähernd  die  gleiche.
            
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