Full text : Die deutsche Wirtschaft

194 Prof, Dr. O. Goebel:
menschlichen Arbeit durch möglichst völlige Mechanisierung (Automatisierung)
 des Betriebes über, Alle drei Wege können zum Erfolg führen;
ihre geringere oder größere Aussicht wird weitgehend von der Art des
Erzeugnisses und vom Standort des betreffenden Werkes abhängig sein.
Das eine Fabrikat verträgt besser mehr Anlagekapital, das zweite
mehr allgemeine Unkosten, das dritte mehr Lohn. In den verschiedenen
Gebieten Deutschlands sind die Frachtbelastungen für Einrichtungen,
Rohstoffe und Fertigerzeugnisse recht ungleich, und es sind auch die
deutschen Arbeitskräfte nach Billigkeit, Anlernbarkeit und Zuverlässigkeit
 immerhin nicht unerheblich verschieden.
Die Verschiedenheit der Bedingtheiten nach der Lage zum Verkehr
und zu den Arbeitskräften sind Zusammenhänge, wie sie die Standortstheorie
 erörtert. Der Wahl des besten Standortes würde in normalen
Zeiten für die wirtschaftliche Betriebsführung eine entscheidene Bedeutung
 zukommen; aber Neuerrichtungen von Werken sind in Deutschland
 für absehbare Zeit kaum zu erwarten, Es kommt aber die Durchdenkung
 der Standortsfaktoren zur Geltung, wo ein Unternehmen sich
gezwungen sieht, von mehreren Werken das eine oder andere stillzulegen.
 Dieser Fall wird bis zur endgültigen Anpassung der deutschen
Wirtschaft an die neuen Verhältnisse, d. h. bis zur Wiederherstellung
der Vollbeschäftigung für die verbleibenden Werke im Rahmen der
gesunkenen Kaufkraft, häufig genug eintreten, Daher sei an die hauptsächlichsten
 Zusammenhänge der Standortstheorie und an die vielfach
nur geschichtlich zu verstehenden lokalen Anhäufungen bestimmter
Industrien erinnert‘). Die drei grundlegenden Standortsfaktoren
sind die Lage zum Rohstoff, zur Arbeitskraft und zum Absatz,
Wo nicht, wie beim Bergbau, der Rohstoff die Lage eindeutig
bestimmt, ergeben sich in der Regel mehrere Standortsmöglichkeiten,
deren jeweilige Vorzüge und Nachteile sorgfältig gegeneinander abgewogen
 werden müssen, Vor allem ist dabei in unserer Zeit
allgemeiner Umstellung auch an mögliche zukünftige Verschiebungen
im Rohstoffbezug und in der Absatzlage zu denken, Im Zweifelsfall
ist demjenigen Standort der Vorzug zu geben, der die größte Vielseitigkeit
 und Beweglichkeit zeigt. Nicht immer freilich erfolgt die
Wahl des Standorts nach den drei genannten Kostenelementen; mancher
 Unternehmer will auf alle Fälle in seinem Heimatbezirk bleiben.
Auch Sicherheitsgründe (z. B. Lage außerhalb eines evtl, Kriegsgebiets,
Ruhe der Bevölkerung) lassen ihn eine rechnerisch vielleicht nicht ganz
so günstige Lage vorziehen. Gewisse Orte haben auch für bestimmte
*) Vgl. auch das Kartenwerk der Reichsarbeitsverwaltung:; „Die Arbeiterverteilung
 in der deutschen Industrie Ende 1921,” Von Dr. Fr. Syrup, Präsident
der Reichsarbeitsverwaltung, (Verlag Reimar Hobbing, Berlin.)
            
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