Full text : Die Frau als kaufmännische Angestellte im Handelsgewerbe

1.  Kapitel.
Der  Umfang-  der  Frauenarbeit
im  Handelsgewerbe.
Das  vergangene  Jahrhundert  ist  erfüllt  von  einer  tiefgreifenden
Entwicklung  und  Umwälzung  der  industriellen  Verhältnisse.  Die  zunehmende ­
  Industrialisierung  entzog  den  Frauen  ein  Gebiet  ihrer  hauswirtschaftlichen ­
  Tätigkeit  nach  dem  anderen  und  übernahm  für  einen
weiten  Markt  und  für  eine  große  Anzahl  von  Abnehmern  die  Herstellung
von  Waren,  die  bisher  in  jeder  Einzelwirtschaft  für  die  eigenen  Bedürfnisse ­
  hergestellt  worden  waren.  Der  Übergang  von  der  geschlossenen
Hauswirtschaft  zur  arbeitsteiligen  Volkswirtschaft  verengte  den  Kreis
der  Tätigkeit  und  die  Möglichkeit  einer  häuslichen  Beschäftigung  aller
dieser  überflüssig  gewordenen  Arbeitskräfte.  Dazu  trat  eine  enorme
Steigerung  der  Lebensbedürfnisse,  mit  der  das  Einkommen  nicht  immer
gleichen  Schritt  hielt.  Es  wurde  daher  notwendig,  daß  alle  verfügbaren
Kräfte  zum  Erwerb  herangezogen  wurden.
Für  die  unteren  Kreise  eröffnete  sich  den  Frauen  Gelegenheit  zum
Verdienst  durch  die  Fabrikarbeit.  Die  erforderlichen  Verrichtungen  bei
der  Verwendung  von  Maschinen  waren  vielfach  so  leicht  zu  erlernen
und  so  einfach  zu  versehen,  daß  Frauen  und  Kinder  zu  ihrer  Handhabung ­
  genügten.  Da  sie  außerdem  billiger  arbeiteten  als  Männer,
so  wurden  sie  in  ausgedehntem  Maße  herangezogen.
Diesen  Kreisen  wurde  es  also  durch  Zusammenarbeit  von  Mann  und
Frau  möglich,  die  wirtschaftlichen  Mißstände,  die  die  Einführung  der
Maschinen  durch  Herabminderung  des  Verdienstes  und  Erhöhung  des
Verbrauches  gezeitigt  hatten,  zu  mildem.  Schlimmer  stand  es  für  die
mittleren  und  höheren  Schichten.  Trotzdem  sich  auch  hier  die  gesteigerten ­
  Lebensansprüche  geltend  machten,  ohne  ein  gleich  starkes  Steigen
des  Einkommens  zur  Folge  zu  haben,  und  viele  weibliche  Arbeitskräfte
frei  wurden,  die  zu  den  Kosten  des  Haushaltes  durch  gewerbliche  Arbeit
beisteuern  konnten,  blieb  in  der  Mittelschicht  das  häusliche  Ideal  auch
weiterhin  bestehen.  Das  gesellschaftliche  Vorurteil  gegen  gewerbliche
Frauenarbeit  zwang  zu  weitgehender  Einschränkung  der  gesellschaftlichen ­
  Stellung  wegen  und  veranlaßte  dadurch  viele  weibliche  Familien-
            
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