Full text: Die Frau als kaufmännische Angestellte im Handelsgewerbe

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mitglieder zur Ausführung unerhört schlecht bezahlter Heimarbeit, die 
nach außen hin verborgen blieb. Schließlich aber mußte man erkennen, 
daß dieses Ideal einer nur hauswirtschaftlichen Beschäftigung einer 
früheren Zeit entstamme und im krassen Widerspruch zu den tatsäch 
lichen Verhältnissen stehe. Die wirtschaftliche Notwendigkeit einer 
selbständigen Tätigkeit der Frau trug endlich den Sieg über die früheren 
Anschauungen davon. 
Diese rein wirtschaftlichen Beweggründe hätten aber vielleicht der 
Bewegung nie diesen Umfang gegeben, wenn nicht die individualistischen 
Bestrebungen des 18. Jahrhunderts bewirkt hätten, daß auch die Frauen 
ihrer selbst bewußt wurden und energisch forderten, als gleichwertig 
betrachtet zu werden. Die untätigen Frauenkräfte, die in wertlosen 
Spielereien ihre Arbeitskraft anlegten, als ihre hauswirtschaftlichen 
Funktionen in die Volkswirtschaft einbezogen wurden, schlossen sich 
mit Freuden dieser Bewegung an, die ihnen die Möglichkeit einer auch 
den Geist ausfüllenden Tätigkeit bot. Alle die Frauen, die gezwungen 
waren, einen Erwerb zu wählen, da sie ihren Lebensunterhalt nicht aus 
Vermögen bestreiten konnten, und auch alle die, denen bald offenbar 
wurde, wie unbefriedigend und entmutigend ein Leben ohne Inhalt ist, 
suchten sich daher außerhalb des Hauses zu beschäftigen und traten in 
das Erwerbsleben ein, da ihnen hier die beste Gelegenheit geboten wurde, 
ihre Arbeitskräfte nutzbringend zu verwenden. 
Besonders lebhaft gestaltete sich die Beteiligung der Frauenkraft 
auf einem Gebiet, das aus ähnlichen Gründen wie die Frauenarbeit einen 
großen Aufschwung erlebte: im Handelsgewerbe. 
Die steigende Verwendung vonMaschinenkräften an Stelle der Hand 
arbeit zeitigte als Folgeerscheinung eine immer ausgedehntere Zusammen 
fassung und Vergrößerung der einzelnen Betriebe. Durch diese Ent 
wicklung gestaltete sich der unmittelbare Verkehr von Hersteller und 
Verbraucher immer schwieriger, so daß als notwendiges Zwischenglied 
der Handel wachsende Bedeutung erlangen mußte. Da der Handel so 
erheblich zunahm, wurden selbstverständlich auch größere Massen von. 
Hilfskräften notwendig. Die Folge war daher ein großes Anwachsen 
der Angestelltenschaft im Handel und Verkehr, was ganz deutlich aus 
den Zahlen der Reichsstatistik von 1882, 1895 und 1907 hervorgeht. 
Die Zahl der Erwerbstätigen in Handel und Verkehr betrug: 
1882 1 580 318 Personen 
1895 2 338 511 
1907 3 477 626 
Die Zunahme von 1882—1895 betrug 758193 Personen, d. h. 47,9%; 
von 1895—1907 betrug sie 1 139 115 Personen, d. h. 48,7%.
	        
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