fullscreen : Fortschritt und Armut

Kap.  I.

Die  herrschende  Theorie  des  menschlichen  Fortschrittes.

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arteten.  Der  heutige  zivilisierte  Mensch  ist  dem  Unzivilisierten  weit
überlegen,  aber  das  war  in  der  Zeit  seiner  Kraft  der  zivilisierte  Mensch
jeder  toten  Zivilisation.  Allein  es  bestehen  Dinge  wie  Laster,  Verderbnisse,
Lntnervungen  der  Zivilisation,  die  über  einen  gewissen  Punkt  hinaus
sich  bisher  stets  gezeigt  haben.  Jede  von  Barbaren  überwältigte  Zivilisation ­
  ist  in  Wirklichkeit  durch  innere  Fäulnis  umgekommen.
Diese  allgemeingültige  Tatsache  beseitigt,  wenn  sie  anerkannt
wird,  die  Theorie,  daß  der  Fortschritt  durch  erbliche  Übertragung  stattfinde. ­
  Überblicken  wir  die  Weltgeschichte,  so  fällt  die  Linie  des  größten
Fortschrittes  nirgends  auf  längere  Zeit  mit  der  Linie  der  Erblichkeit
zusammen.  Aus  jeder  einzelnen  Linie  der  Erblichkeit  scheint  der  Rückgang
stets  dem  Fortschritt  zu  folgen.
Müssen  wir  daher  sagen,  daß  es  ebensowohl  ein  Leben  der  Nationen
oder  Rassen,  wie  der  einzelnen  gebe;  daß  jede  soziale  Gemeinschaft
sozusagen  eine  gewisse  Summe  von  Kraft  habe,  deren  Verausgabung
den  Verfall  notwendig  macht?  Dies  ist  eine  alte,  weitverbreitete  Vorstellung, ­
  die  noch  immer  vielfach  gehegt  wird  und  die  auch  aus  den
Schriften  der  Anhänger  der  Entwicklungslehre  noch  beständig  hervorschaut, ­
  obwohl  sie  ihrer  Theorie  zu  widerstreiten  scheint.  Zn  der  Tat
sehe  ich  nicht  ein,  warum  dieselbe  nicht  unter  die  Bezeichnungen  Stoff
und  Bewegung  sollte  gebracht  werden  können,  so  daß  sie  sich  in  die
Generalisationen  der  Evolution  einfügte.  Denn  wenn  wir  die  Individuen
als  Atome  betrachten,  so  ist  die  Entwicklung  der  Gesellschaft  „eine  Ergänzung ­
  (Integration)  des  Stoffes  und  der  damit  verbundenen  Zerstreuung ­
  von  Bewegung,  während  welcher  der  Stoff  aus  einer  unbestimmten, ­
  unzusammenhängenden  Gleichartigkeit  zu  einer  bestimmten,
zusammenhängenden  Vielartigkeit  übergeht,  und  während  welcher  die
zurückgehaltene  Bewegung  eine  ähnliche  Umgestaltung  erfährt"*).  Und
so  kann  man  eine  Analogie  zwischen  dem  Leben  einer  Gesellschaft  und
dem  Leben  eines  Sonnensystems  auf  die  Nebelhypothese  gründen,
Wie  die  Wärme  und  das  Licht  der  Sonne  erzeugt  werden  durch  die  Vereinigung ­
  von  Atomen,  die  Bewegung  entwickeln,  welche  schließlich  aufhört, ­
  wenn  die  Atome  mit  der  Zeit  zu  einem  Zustande  des  Gleichgewichts ­
  oder  der  Ruhe  gelangen  und  darauf  ein  Zustand  der  Unbeweglichkeit ­
  folgt,  der  neuerdings  nur  durch  den  Anstoß  äußerer  Kräfte  unterbrochen ­
  werden  kann,  welche  den  Evolutionsprozeß  umkehren,  die
Bewegung  ergänzen  und  den  Stoff  in  Form  von  Gasen  zerstreuen,
um  wieder  aus  deren  Kondensierung  Bewegung  zu  entwickeln  —
fbenso,  kann  man  sagen,  entwickelt  die  Vereinigung  von  Individuen
in  einem  Staate  eine  Kraft,  die  das  Licht  und  die  Wärme  der  Zivilisation ­
  hervorbringt;  wenn  aber  dieser  Prozeß  aufhört  und  die  individuellen ­
  Bestandteile  zu  einem  Zustande  des  Gleichgewichts  gebracht
werden  und  ihre  feststehenden  Plätze  einnehmen,  so  erfolgt  Versteinerung,
*)  Herbert  Spencers  Definition  der  Entwicklung,  „First  Principles“,  5.  396.
©eorge,  Fortschritt  und  Armut.

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