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Vierter Teil,
Als einer der wesentlichsten Gründe, aus denen die Dienen-
den liederlich werden, wurde angeführt, daß sie „wandernde
Mietlinge‘“ und dadurch proletarisch geworden seien?l, Hirsch-
berg bemerkt, daß die Dienstmädchen gerade deshalb leichter
fallen, weil sie, wenn sie in die Stadt in Dienst gehen, hier einer
völligen Vereinsamung anheimfallen??, Ferner müssen einmal
der enge, aber äußerlich bleibende Kontakt mit der Dienstherr-
schaft, die Fremdheit und Lieblosigkeit derselben ?3, dann auch
das ansteckende und zur Nachahmung anreizende Wohlleben,
sowie die in den Häusern selbst oft herrschenden schlechten
Sitten herangezogen werden?*, Doch muß man sich sehr davor
hüten, die Verführer der Dienstmädchen etwa vornehmlich in
den Reihen der Dienstherrschaft (der Ehemänner oder der Haus-
söhne) zu suchen ?5. Vielmehr liegen diese ganz anderswo, näm-
21 W. H. Riehl, Die bürgerliche Gesellschaft, 1. c., S. 447.
2 Hirschberg, S. 284.
2% Fanny Lewald, Osterbriefe für Frauen, Berlin 1863, Janke,
5. 38ff£f., 45£f.; Clara Viebig, Das tägliche Brot, 3, Aufl., Berlin 1901,
Fontane, Bd. ı, 5. 69, 79ff.; diese Zusammenhänge muß selbst ein 30 ein-
seitiger und anekdotenhaft oberflächlicher Kritiker der Dienstbotenpsyche
wie de Rycköre zugeben. (Vgl. Raymond de Rycköre, La criminalit6
des servantes, im Bericht über den VII. Internationalen Kongreß für Kri-
minalanthropologie, Köln a. Rhein, g.—13. Oktober ıg91x, Heidelberg
1912, Winter, S. 93, 10x.) Der gleiche Autor hat den gleichen Stoff
auch in Buchform behandelt. Vgl. vor allen Dingen das Kapitel X: La
Prostitution, in: La Servante oriminelle. Etude de Criminologie professio-
nelle, Paris 1908, Maloine, p. 277ss.
% Man lese z. B. die ein gutes Stück objektiver Wahrheit enthaltenden
romanhaften Darstellungen des Dienstbotenwesens bei Alphonse Daudet,
Le Nabab. (Nouv. Ed., Paris 1892, Charpentier, p. 189££.); Octave Mir-
beau, Le Journal d’une Femme de Chambre. (Paris 1900, Fasquelle,
pP: 211, 248, 362); und bei Vincent Brion, Chez les autres. (Paris 1924,
Flammarion). — Vgl. auch Hirschberg, S. 284; Robert und Lisbeth
Wilbrandt, Die deutsche Frau im Beruf, Berlin 1902, Moeser, S. 136.
2 Wie die Verführer der armen Mädchen überhaupt dem Stande des
Mädchens selber angehören. Vgl. Frögier, S. 65; Du Camp, vol. HEIL
p. 436; Verniäres (dieser bemerkt z. B. von den Nähmädchen auf S. 65:
„Des filles, qui sortent de l’atelier, avec des cheveux mal peign6s et une