Full text: Die Frau und die Arbeit

Wunsch aller höher entwickelten menschlichen Naturen, 
mit dem geschlechtlichen Verkehre ihre höchsten geistigen 
Interessen und Sympathien zu verbinden, konnte unmög 
lich Befriedigung und Widerhall finden in dem Verkehr 
zwischen den zurückgezogenen, verhältnismäßig unwissen 
den und hilflosen Frauen der oberen Klasse Griechenlands 
und den glänzend gebildeten und vielseitigen Männern, die 
dessen herrschende Klasse im fünften und vierten Jahr 
hundert bildeten. Der Mann hielt sich an den Mann, und 
die Elternschaft, die göttliche Gabe, Leben zu zeugen, ward 
getrennt von den erhabensten und tiefsten Phasen mensch 
lichen Empfindens. Xanthippe verzankte ihr unwissendes 
erbärmliches Dasein zwischen den vier Wänden ihres Hau 
ses, und Sokrates lag in der Agora und diskutierte mit Al- 
kibiades die Probleme der Philosophie und Ethik; und der 
griechische Stamm ward im innersten Mark faul*. Hie 
und da durchbricht eine Aspasia oder früher noch eine 
Sappho die fesselnden Bande des weiblichen Zustandes, 
und mit der Kraft des unwiderstehlichen Genies betritt sie 
triumphierend neue Felder der Tätigkeit und kraftvollen 
geistigen Lebens Seite an Seite mit dem Mann; aber dies 
waren eben Ausnahmefälle. Wären diese Frauen oder an 
dere imstande gewesen, einen Weg zu bahnen, auf dem dfe 
Masse der griechischen Frauen ihnen hätte folgen können, 
wäre es für die Mehrzahl der Frauen der herrschenden 
Klasse Griechenlands zu Ende des fünften Jahrhunderts 
möglich gewesen, sich aus dem Zustande träger Untätig 
keit und Unwissenheit zu erheben und an der geistigen 
Arbeit und ernsten Tätigkeit ihres Volkes teilzunehmen, so 
würde Griechenland nie so zerfallen sein, wie es zu Ende 
des vierten Jahrhunderts zerfiel, so unmittelbar und voll 
ständig, wie ein fauler Staubschwamm, den ein gesunder 
* Siehe Platos „Gastmahl“; aber erst das Studium der ganzen griechi 
schen Literatur des 5. und 4. Jahrhunderts wirft volle Lichter auf diese 
wichtige Frage. 
4 Schreiner, Die Frau. 
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