Die merkantilistische Litteratur der einzelnen Länder. 87
des ostindischen Handels, auf eine staatliche Herabdrückung des Zinsfußes und eine
Foörderung der heimischen Industrie; in Deutschland empfiehlt man vor allem Erschwerung
und Verbot der fremden Manufakteneinfuhr, um das gewerbliche Leben der Heimat nicht
ganz durch die fremde Konkurrenz erdrücken zu lassen. Die einzelnen Mittel sind ver—
schieden, die Ziele sind überall dieselben: die egoistische Förderung der eigenen Volks—
wirtschaft mit allen Mitteln des Staates.
Während die viel bewunderten Holländer mehr das praktische Leben ausbildeten
ind über wirtschaftliche Einzelfragen schrieben, erzeugten in Italien die alte geistige Kultur
und die Münzgebrechen der Zeit Schriftsteller, die vom Geldwesen zum Handel und
zur allgemeinen Wirtschaftspolitik vordringen: Antonio Serra (Breve trattato delle cause
he possono far abondare li regni d'oro e d'argento, dove non sono miniere 1618)
ist als einer der ersten und Antonio Genovesi (Lerione di Commercio, osia di Eco-
iomia Civile, 1769, deutsch 1776) als einer der umfassendsten und maßvollsten Schrift⸗
eller der von uns bezeichneten Gedankenrichtung zu nennen. In England wirkte das
reie politische Leben, der sonstige wissenschaftliche Geist, der zur Beobachtung besonders
geschickte Nationalcharakter und der handelspolitische Kampf mit Holland zusammen, die
hervorragendsten Schriften des Merkantilismus ins Leben zu rusen. Thomas Mun
(A discourse of trade from England into the East Indies, 1609; Englands treasure
y foreign trade ect, 1664) ist der erste erhebliche Theoretiker der Handelsbilanz, der
Fompagniedirektor Sir Josiah Child (Brief ohservations concerning trade and the interest
»f money, 1668; A new discourse of trade, 1690) tritt für Zinsfußerniedrigung,
HZandelscompagnien, strenge Abhängigkeit und Ausnutzung der Kolonien auf, Sir William
Petty, Autodidakt, Arzt, Chemiker, glücklicher Geschäftsmann und Spekulant (A treatise
f taxes ect, 1662; Several essays in political arithmetic, 1682; The political anatomy
t Ircland, 1691 und 1719), weiß volkswirtschaftliche Zustände zu beobachten und zahlen⸗
näßig zu schildern, ähnlich wie sein Nachfolger auf diesem Gebiete, Charles Davenant,
»essen zahlreiche Schristen in die Zeit von 1695 -1712 fallen (The political and com-
aercial orke, 1771); dieser erbrtert in geläuterter Weise die Handelsbilanz, die Pro—
hibitivmaßregeln, den Kolonialhandel. Fast alle englischen Schriftsteller dieser Zeit
schließen sich den neugebildeten Parteien der Tories und der Whigs an, stehen in deren
Dienst, verherrlichen als Whigs die maßlose Überspannung des Schutzsystems, eifern
als Tories dagegen. Den theoretischen und systematischen Höhepunkt der englischen
Merkantilisten vildet erst der viel spätere, etwas breite und ungelenke James Steuart
Inquiry into the principles of political economy being an éessay on the science of
Jomestic policy in free nations, 1767, deutsch 1768), der Adam Smith an Eleganz
ind Klarheit unzweijselhaft, aber kaum an historischem und pfychologischem Verständnis,
an praktischer Lebenskenntnis nachsteht.
Wenn in Deutschland die ersten kameralistischen Professuren auf den Universitäten
errichtet werden, um die Kammerbeamten für ihre Verwaltungsthätigkeit besser vor—
zubereiten, und wenn so in der deutschen Litteratur jener Tage die landwirtschaftliche
und gewerblich-technische Unterweisung neben Finanz— und volkswirtschaftlichen Fragen
eine besonders große Rolle spielt, den Schriften einen erdig realistischen Beigeschmack
m ganzen giebt, so hat andererseits doch das deutsche Schulmeistertum am frühesten
ystematische Werke geschaffen. Wie die Engländer aus Pufendorfs Naturrecht einen
exheblichen Teil ihrer systematischen Betrachtungen nahmen, so hat Johann Joachim
Becher schon 1667 eine Art merkantilistisch kameralistischen Lehrbuches geschrieben; er ist
ursprünglich Arzt und Chemiker, später Kommerzienrat und Projektenmacher; sein
„Politischer Diskurs von den eigentlichen Ursachen des Auf- und Abnehmens der Städte,
nder And Republiken“ hat von 1667-1759 sechs Auflagen erlebt, hat mit seiner
Lehre von der staatlichen Regulierung alles Verkehrs, mit seiner Forderung von Com—
pagnien, Werk- und Kaufhäusern, von Schutzzollmaßregeln gegen Frankreich die deutsche
Praxis fast drei Menschenalter beherrscht. An ihn schließen sich die meisten der folgenden
Kameralisten an: Hörnigk, Schröder, Gasser, Zinken bis zu dem glatt systematifierenden
J. 8. 6von Justi und seinen zahlreichen Lehrbüchern (Grundsätze der Staatswirt—