Der Standpunkt des Merkantilismus. 85
wirtschaft ist eigentlich noch nicht vorhanden. Finanzen, Arbeitsteilung, Verkehr sind
den Denkern jener Tage integrierende Teile des angeblich durch den Staatsvertrag ent⸗
ftandenen Gemeinwesens. Das ganze politische und wirtschaftliche Leben ist ein Mecha⸗
ismus, der durch klug ersonnene Gesetze und staatliche Organe zu regulieren ist; die
scharfsinnigsten Realisten, von Macchiavelli bis auf James Steuart, sehen darin in erster
Linie eine Schöpfung des Staatsmannes. Und die meisten damaligen Staaten waren
es auch in ihrer Gruͤndung, wie in ihrer weiteren politischen und wirtschaftlichen Ent⸗
wickelung. Vielfach wenigstens mit Blut und Eisen und mit allen Künsten der
Diplomatie waren aus den kleinen Gebieten, aus den selhständigen Städten und
Provinzen die größeren Staaten damals hergestellt worden. Überall stand die Herbei—
ührung gleicher und einheitlicher wirtschaftlicher Ordnungen innerhalb dieser neugebildeten
Slaaten im Vordergrunde der staatlichen Aufgaben; selbst Colbert hat unendlich mehr
r die innere Verwaltungseinheit Frankreichs als für dessen Abschluß nach außen
gethan. Innerhalb der neugebildeten Staaten mit ihrem vergrößerten inneren Markte
zilt es nun für die entsprechende Zahl Menschen und ihre richtige Verteilung zu sorgen;
zas Verhältnis der Ackerbauer zu den Gewerbtreibenden nach Zahl und nach Art des
Austausches beschäftigt die Aufmerksamkeit, ebenso die Frage, ob in jedem einzelnen
Frwerbszweige die rechte Zahl von Menschen sei; es ist Sache der Regierung, überall
das Zuviel und Zuwenig, das „Polypolium“ und das „Monopolium“ der Produzierenden
zu hindern. Die Vorstellung von Angebot und Nachfrage begegnet uns bereits; als
das Mittel, sie in regelmäßige Berührung zu bringen, erscheint das Geld, die Münze;
ie Geldcirkulation wird gefeiert als der große Motor des socialen Körpers; sie soll
befördert werden; eine zunehmende Geldmenge wird ebenso gepriesen wie eine raschere,
gleichmäßigere Geldcirkulation. Aber abgesehen von wenigen Großkaufleuten, die, schon
damals an den Sitzen des lebendigsten Verkehrs, teils an sich der Freiheit der Geld—
irtulation und aller Verkehrstransaktionen vertrauen, teils diese Freiheit in ihrem
Interesse finden (wie Pieter de la Court in Holland), erscheint diese Cirkulation des
Feldes und der Waren, welche gerade damals sich außerordentlich vermehrte und
rusdehnte, niemandem als ein Strom, der sich selbst überlassen werden könne. Man
ürchtete vom Handwerker die Lieferung schlechter Waren, von der natürlichen Preis⸗
hbildung eine Berteuerung, die den Absatz vernichte; man lebte noch ganz in den über—
eferten Zuständen, welche mit ihren hergebrachten Stapelrechten, Binnenzoͤllen, Markt⸗
cechten, ihrem Fremdenrechte leicht jede Anderung und Ausdehnung des Verkehrs
hemmten. Alles rief nach dem Staatsmanne, der jedem Angebote seinen Absatz ver—
schaffen, der allen Verkehr von Markt zu Markt, von Stadt zu Land, von Provinz zu
Provinz und vollends von Staat zu Staat regulieren, der ordnend, Warenschau
haltend, preissetzend eingreife. Nur so — fand man — könne dieses künstliche Gewebe
des Verkehrs gedeihen, vor falscher, dem Staate ungünstiger Entwickelung bewahrt
bleiben. Ein Heißhunger nach wirklicher oder fiktiver Statistik, welche als staatlicher
Kontrollapparat allen Verkehrsvorgängen dienen sollte, erfüllt die aufgeklärten, am besten
regierten Staaten von den italienischen Tyrannen des Cinque Cento bis zu den großen
Regenten des 18. Jahrhunderts.
Nicht sowohl das Geld als einziger Gegenstand des Reichtums steht so im Mittel⸗
punkte der Betrachtung, als die Cirkulation desselben, das Geld als Schwungrad des
Verkehrs. Da dieses Geld aber obrigkeitliche Münze ist, vom Fürsten geprägt wird,
da die Staatsgewalt für die genügende Menge verantwortlich ist, so erscheint, zumal
iu den Staaten ohne Bergwerke, die Pflicht, durch Handelsmaßregeln für die ent—
sprechenden Geldsummen zu sorgen, als die wichtigste volkswirtschaftliche Aufgabe der
Regierung. Und da zugleich die neuen Geldsteuern für Heer und Beamtentum nur da
reichlich fießen, wo Verkehr und Industrie erblüht find, da man diese überall da ent—
stehen sieht, wo der auswärtige Handel, vor allem der nach den Kolonien, und der
Handel, der inländische Industriewaren ausführt, gedeiht, so wird die Frage, wie durch
Kolonialhandel und Manufaktenausfuhr eine günstige Handelsbilanz zu erzielen sei, zum
Prüfstein der richtigen staatlichen Wirtschaftspolitik.