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zufällt. Indes bleibt immer noch die Tendenz bestehen, ein
immer weiteres Territorium zu besiedeln, weil die Bevölkerung
fortfährt, sich zu vermehren.
„Eine Familie,“ sagt Lippert,*) „mit der Ernährungsweise der
Urzeit bedurfte eines bestimmten Raumes zur Gewinnung ihrer
Nahrung, und dieses Raumbedürfnis wuchs mit der Kopfzahl.“
Aus dem folgenden wird man ersehen, daß die Menschen auf
allen Kulturstufen danach strebten, ihr Gebiet möglichst auszu
dehnen.
Die völlig extensive Wirtschaft, bei der der Mensch keine
Arbeit auf wendet, um die Fruchtbarkeit des Bodens wieder her
zustellen, um Pflanzen zu bauen, Tiere zu züchten usw., wird
ziemlich zutreffend „Sammelwirtschaft“ genannt. Darunter ver
steht man gewöhnlich eine Wirtschaft, in der man sich mit der
Sammlung von Pflanzen und Wurzeln, mit der Jagd und dem
Fischfang beschäftigt.**) Hierher gehört auch die Nutzung der
natürlichen Wälder. Wenig entfernt von diesem Wirtschafts
system ist auch die primitive Viehwirtschaft, bei der das Vieh
auf den unkultivierten Weiden gefüttert wird. Der Arbeitsaufwand
besteht nur im Hüten des Viehs und ist folglich sehr gering. Statt
das Vieh zu töten, wie es der Jäger tut, braucht der Viehzüchter
hauptsächlich dessen Milch.***)
Gewöhnlich betrachten indes die Volkswirte diese extensive
„Sammelwirtschaft“ nicht vom Standpunkte der Arbeitsproduk
tivität aus, sondern von dem der Leistungsfähigkeit des Bodens,
und kommen natürlich zu dem Schlüsse, daß eine intensive Wirt
schaft „ergiebiger“ ist als eine extensive. Die Tatsache, daß die
Menschen in einer dünn bevölkerten Gegend eine extensive Wirt
schaft führen, wird durch deren geringe kulturelle Entwicklung
erklärt.
*) Julius Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. I, S. 168.
**) Ernst Friedrich, Einführung in die Wirtschaftsgeographie,
Leipzig 1908, S. 27.
***) Die Hirtenvölker töten sehr ungern ihr Vieh und ernähren sich
nur ausnahmsweise von Fleisch. Siehe Richard Hildebrand, Recht
und Sitte auf den primitiven wirtschaftlichen Kulturstufen, S. 26. Über
das Hirtenwesen bei den Kirgisen, Kaffem, Somali, Toda usw.
Masslow, Die Theorie d. Volkswirtsch.
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