Die Soziologie im weiteren Sinn.
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ist im besonderen Maße zu mißbilligen!). Die sonstigen Verwendungen
des Wortes stimmen wenigstens darin überein, daß die Soziologie eine
systematische Wissenschaft ist, während sie hier zu einer histo-
rischen oder vielmehr zu einem unselbständigen Teile einer solchen
gestempelt werden soll, der eines Ausbaues im Sinne einer vollen Wissen-
schaft gar nicht fähig ist. Zu erklären ist die Verirrung einigermaßen
aus der vielfachen Neigung, der Urgeschichte und den primitiven Kul-
turen eine gewisse Rolle in der Soziologie einzuräumen, eine Neigung,
die ihrerseits eine arge Vermengung historischer und systematischer Fra-
gen bedeutet. — Daß es ebenso mißbräuchlich ist, unter Soziologie Ge-
schichte der menschlichen Organisationen, insbesondere der Familie, des
Stammes, Staates usw. zu verstehen oder eine systematische Wis-
senschaft von diesen Organisationen (ähnlich der allgemeinen Kunst- oder
Religionswissenschaft) als Soziologie zu bezeichnen, haben wir schon
früher erörtert. — Verfehlt ist es ebenso, wenn man die Untersuchungen
über den Auf- und Abstieg in den einzelnen sozialen Klassen mit diesem
Namen tauft. Zu erklären ist dieser Mißbrauch wahrscheinlich aus einer
Verwechslung von Stoff und Problem. Die menschlichen Organisationen
wie Familie, Staat usw., stehen in einer Reihe neben anderen Kultur-
gütern, wie Kunst, Religion usw.; sie alle sind Objektivationen der „Ge-
sellschaft“, gleichsam geronnene gesellschaftliche Kraft. Nur rein äußer-
lich, dem Stoffe nach betrachtet, stehen die menschlichen Organisationen
zu der Tatsache der „Gesellschaft“, in welchem Sinne dieses Wort auch
aufgefaßt wird, in einer engeren Beziehung als die übrigen Kulturgüter.
Ähnliches gilt auch, wenn man die Untersuchungen über die Begabten,
Abnormen, Kriminellen usw. als der „Teile“ der (modernen) Gesellschaft
zur Soziologie rechnen will.
3. Inhaltsübersicht.
Die ersten drei Kapitel des vorliegenden Buches behandeln ein und
denselben Gegenstand nach verschiedenen Richtungen hin. Dieser Gegen-
stand ist die menschliche Gesellschaft. Das erste Kapitel untersucht das
Wesen der Gesellschaft und findet es in einem Zustande spezifischer
innerer Verbundenheit, der zwischen den beteiligten Personen besteht.
Die sozialen Erlebnisse unterscheiden sich durch diese Eigenschaft von
den biologischen, bei denen der Mensch einer als fremd empfundenen
Welt gegenübersteht. Mag es sich um den Gehorsam oder die Macht,
um Strafe oder Recht. um Suggestion oder das einfache Gespräch han-
1) Leider ist er auch in den amtlichen Sprachgebrauch eingedrungen. Man spricht
dort von Lehraufträgen und Professuren für Ethnologie und Soziologie.
Vierkandt. Gesellschaftslehre