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I. Buch. Production und Consumtion.
Erfindungen, welche gesundheitsgemäße Arbeit zur Folge haben, sondern stellen
nur den frühern Zustand in dieser Hinsicht wieder her.
Es ist wohl wahr, daß die ganz überwiegende Menge der physischen
Leiden, voll denen die technischen Umwälzungen begleitet waren, nicht auf den
Maschinenbetrieb, sondern auf nlenschliches Verschulden zurückzuführen sind, so
z. B. die Ueberanstrengung der Fabrikarbeiter, der Männer sowohl als der
Frauen und Kinder, dieser große Uebelstand des 19. Jahrhunderts. Aber
immerhin gibt es eine Summe physischer Leiden, die bis jetzt keine Anstrengungen
der Wissenschaft itiib der Humanität zu beseitigen vermochte. Dahin gehören
die Gefährdung des Lebens und der körperlichen Sicherheit inmitten all der
complicirten Maschinen; die Ausdünstungen, unter denen z. B. die mit dem
Bleichen beschäftigten Personen zu leiden haben und welchen sie früher, als die
Stoffe noch in freier Luft durch die Sonne gebleicht wurden, nicht ausgesetzt
waren; die unerläßliche Nachtarbeit, die z. B. auf den Eisenbahnen und bei
Hochöfen, deren Feuerung niemals erlöschen darf, nicht unterbleiben kann;
die große Hitze, die z. B. in Gießereien und Glasfabriken unvermeidlich ist;
der furchtbare Lärm, wie er in Baumwollfactoreien und auf den Werften
für den Bau eiserner Schiffe herrscht; und endlich vor allein die beständige
gespannte Aufmerksamkeit, wie sie jede Arbeit erfordert, bei welcher der Ar
beiter nicht nach Belieben über die Werkzeuge verfügt, sondern vielmehr voll
diesen abhängig ist.
So geschieht es denn, daß z. B. in Birmingham die Fabrikarbeiter, obwohl
sie hohe Löhne beziehen und gesunde Wohnungen innehaben, ostinai* vorzeitig
altern, und daß Männer int Alter von 56 oder 57 Jahren dahinsiechen und
sterben, weil sie infolge der angestrengten Arbeitsleistullg, die ihr ganzes Lebeil
hindurch währte, völlig erschöpft sind. Das ist ein wirkliches Uebel, nicht aber
der Umstand, daß die Arbeit inonotoner geworden ist, als das früher der
Fall war, eine Thatsache, über die bereits im vorhergehenden Kapitel gehandelt
worden ist.
Eine andere Frage ist es, ob man auch den Umstand in Anschlag
bringen soll, daß die gewissermaßen künstlerischen Fähigkeiten, welche die
Arbeitermassen früher besaßen, sich verloren oder doch eine Abschwächung er
litten haben, und daß dagegen unschöne und alltägliche Gegenstände maffen-
haft in Umlauf gesetzt wurden, während sämtliche Erzeugnisse der frühern
Zeit mehr oder weniger als Producte einer wirklichen Kunstfertigkeit er
schienen. Diese Frage ist complicirt, und es wird darüber hin und her
gestritten. Wir wollen darüber nur so viel bemerken, daß sowohl die ge
steigerte Entwicklung als die Abnahme des Schönheitssinns Erscheinungen sind,
deren Gründe, wie die Kunst- und die Kulturgeschichte lehren, nicht vollständig
erforscht werden können, daß eine überraschende Abnahme des Schönheits-