Full text: Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften

115 
8 * 
urteil“ sprechen, von einem Werturteil, das zwar als 
solches wissenschaftlich nicht beweisbar ist, sich aber 
alles, was die Wissenschaft leisten kann, zunutze ge 
macht hat und deshalb, besonders wenn es von einer 
starken Persönlichkeit kommt, nicht schlechtweg 
ohne Interesse ist 1 . In diesem Sinn könnte also das 
Werturteil in der Wissenschaft immerhin eine Rolle 
spielen, die über bloße Erklärung der von den 
handelnden Individuen und Parteien tatsächlich ge 
fällten Werturteile und selbst über die Entscheidung 
der Frage, ob ein gegebenes Verhalten einem gege 
benen — aber nicht von dem Forscher aufgestellten — 
Ideal entspricht, hinausgeht. Allein darauf kommt es 
heute, wenn wir nur an der Erkenntnis der histori 
schen Relativität aller Ideale festhalten, nicht in 
erster Linie an. Worauf es heute ankommt, ist viel 
mehr, daß die Gelehrtenwelt aufhöre, sich gar zu 
sehr mit den Fragen des Tages zu befassen. Denn 
die ausschließliche oder vorwiegende Beschäftigung 
mit praktischen Tagesfragen droht das Interesse an 
der Arbeit nach lediglich wissenschaftlichen Gesichts 
punkten zu erdrücken und damit den Fortschritt der 
Wissenschaft zu gefährden. Praktische Fragen geben, 
so wie sie behandelt zu werden pflegen, selten Anlaß 
zur Verfeinerung unserer Methoden oder zur Be 
reicherung unserer allgemeinen Resultate, sondern 
bestenfalls — aber meist nicht einmal das — Anlaß 
zu ihrer Anwendung. Vielmehr sind sie für die 
Wissenschaft das, was in der Produktion die primitive 
1 Wenngleich natürlich politische Acerbität einem Forscher zu 
Gesichte steht wie einer Frau ein Bart.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.