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urteil“ sprechen, von einem Werturteil, das zwar als
solches wissenschaftlich nicht beweisbar ist, sich aber
alles, was die Wissenschaft leisten kann, zunutze ge
macht hat und deshalb, besonders wenn es von einer
starken Persönlichkeit kommt, nicht schlechtweg
ohne Interesse ist 1 . In diesem Sinn könnte also das
Werturteil in der Wissenschaft immerhin eine Rolle
spielen, die über bloße Erklärung der von den
handelnden Individuen und Parteien tatsächlich ge
fällten Werturteile und selbst über die Entscheidung
der Frage, ob ein gegebenes Verhalten einem gege
benen — aber nicht von dem Forscher aufgestellten —
Ideal entspricht, hinausgeht. Allein darauf kommt es
heute, wenn wir nur an der Erkenntnis der histori
schen Relativität aller Ideale festhalten, nicht in
erster Linie an. Worauf es heute ankommt, ist viel
mehr, daß die Gelehrtenwelt aufhöre, sich gar zu
sehr mit den Fragen des Tages zu befassen. Denn
die ausschließliche oder vorwiegende Beschäftigung
mit praktischen Tagesfragen droht das Interesse an
der Arbeit nach lediglich wissenschaftlichen Gesichts
punkten zu erdrücken und damit den Fortschritt der
Wissenschaft zu gefährden. Praktische Fragen geben,
so wie sie behandelt zu werden pflegen, selten Anlaß
zur Verfeinerung unserer Methoden oder zur Be
reicherung unserer allgemeinen Resultate, sondern
bestenfalls — aber meist nicht einmal das — Anlaß
zu ihrer Anwendung. Vielmehr sind sie für die
Wissenschaft das, was in der Produktion die primitive
1 Wenngleich natürlich politische Acerbität einem Forscher zu
Gesichte steht wie einer Frau ein Bart.