Full text: Vergangenheit und Zukunft der Sozialwissenschaften

37 
stehen ist, so daß es in diesem Sinn unabhängig von 
jedem solchen Kodex — der nur ein Versuch ist, die 
reale Sittlichkeit zu formulieren und zu beeinflussen 
— existiert und jedem solchen Kodex gegenüberge 
stellt werden kann. Das Phänomen hat seine eigene 
Logik, seine eigenen Bestimmtheiten, die wir er 
forschen können wie eine Naturerscheinung. Da diese 
Bestimmtheiten sich aus der „Natur“ des Menschen 
und des sozialen Zusammenlebens ergeben, kann man 
von einer „natürlichen“ Sittenlehre im Gegensatz zu 
einer gebotenen sprechen, und da diese Bestimmt 
heiten erfahrungsmäßig erforscht werden können, 
von einer natürlichen Sittenlehre im Gegensatz zur 
theologischen oder überhaupt metaphysischen. In 
diesen beiden Gegenüberstellungen drückt sich der 
tiefere Sinn aus, in dem das Wort „natürlich“ damals 
gebraucht wurde und der ungeheure Fortschritt, der 
darin lag. Freilich kam dazu die eben behandelte Ver 
irrung, die gleichzeitig von einem inhaltlich bestimm 
ten natürlichen Idealzustand sprechen ließ, der den 
Dingen immer und überall entspreche und praktisch 
durchgeführt werden müsse, und die Assoziation mit 
dieser Verirrung wurde dem großen Gedanken selbst 
gefährlich. 
In ganz demselben Sinn sprach man nun damals 
von einem „Naturrecht“ — leider auch hier die Idee 
eines darauf zu basierenden ewigen Gesetzbuchs 
damit verbindend. Das Naturrecht in dem Sinn, in 
dem es für uns allein in Betracht kommt, beruhte auf 
der Erkenntnis, daß das Kecht aus den sozialen Not 
wendigkeiten geboren und durch sie zu verstehen
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.