Full text : Wirtschaftspolitisches Handbuch von Rumänien

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Soziale  Verhältnisse

haft  ernährt,  primitiv  bekleidet,  ungenügend  unterrichtet,  willkürlich
verwaltet  und  aller  politischen  Rechte  beraubt,  wird  der  rumänische
Bauer,  die  größte,  wichtigste  und  auch  bestveranlagte  Gesellschaftsklasse ­
  Rumäniens,  künstlich  niedergehalten  und  gegen  seinen  bewaffneten ­
  Widerstand  durch  die  Folgen  einer  vielhundertjährigen
Entwicklung  zu  einer  Art  Menschentier  degradiert.
Einen  Mittelstand  gibt  es  in  Rumänien  nur  in  sehr  bescheidenem
Umfange.  Der  mittlere  Grundbesitz  ist  äußerst  gering  vertreten.
Die  städtische  Bevölkerung  ist  in  den  Vorstädten  überwiegend  bäuerlich ­
  und  eher  schlechter  daran,  als  das  Landvolk.  Gewerbe  und
Handel  befinden  sich  meist  in  ausländischen  Händen.  Lediglich  die
Intellektuellen  erreichen  die  Zahl  von  zirka  140000  und  stellen  mit
ihren  Familienangehörigen  zusammen  rund  700  000  Köpfe  oder  10%
der  Eesamtbevölkerung  dar;  doch  sind  von  ihnen  mehr  als  120000
öffentliche  Bedienstete  und  infolgedessen  von  der  herrschenden  Klasse
durchaus  abhängig.  Eben  infolge  dieser  Abhängigkeit  passen  sie  sich,
ohne  sich  dessen  recht  bewußt  zu  werden,  den  Anschauungen  dieser
Klasse  vollständig  an.  Selbst  wenn  sie  aus  der  Bauernschaft  hervorgehen, ­
  haben  sie,  mit  recht  wenigen  Ausnahmen,  dieselbe  Mentalität
und  denselben  Jdeenkreis,  wie  die  herrschende  Klasse.  Auch  bei
den  Intellektuellen  überwiegt  weitaus  die  levantinische  Art.
Die  oberste  und  zugleich  die  herrschende  soziale  Schicht  bildet
in  Rumänien  der  Großgrundbesitz.  Trotz  des  demokratischen  Anscheins, ­
  den  er  sich  infolge  der  Formen  der  Verfassung  gibt,  ist  er
nichts  anderes,  als  die  frühere  Bojarenklasse  in  veränderter  Gestalt.
Er  umfaßt  nur  mehr  zum  geringen  Teile  die  Nachkommen  der  alten
walachischen  und  moldauischen  Bojaren.  Diese  Familien  haben,
soweit  sie  nicht  ganz  zugrunde  gegangen  sind,  seit  dem  Vorherrschen
der  (Feldwirtschaft  ihre  Güter  und  mit  ihnen  ihren  Einfluß  verloren.
In  der  nicht  ganz  2000  Personen  umfassenden  Liste  der  Besitzer  der
6385  rumänischen  Domänen  kommen  kaum  30  Namen  walachischer
und  kaum  20  Namen  moldauischer  alter  Bojarenfamilien  vor.  Desto
zahlreicher  sind  die  Namen  der  ehemaligen  fanariotischen  Thronnutznießer ­
  und  ihrer  Hofbeamten,  von  denen  es  notorisch  feststeht,
daß  ihre  Träger  vor  kürzerer  oder  längerer  Zeit  ins  Land  gekommen
und  fremden  Ursprungs  find.  Infolge  ihrer  fremden  Abstammung
blieben  sie,  mochte  ihr  Aufenthalt  im  Lande  noch  so  lange  währen,
der  rumänischen  Seele  fremd.  Sie  verstehen  ihre  Regungen  nicht.
Wenn  sie  auch  die  rumänische  Sprache  sich  angeeignet  haben  und
sie  neben  dem  im  Privatleben  ausschließlich  gebrauchten  Französisch
in  den  Vertretungskörpern  nebenbei  sprechen,  klafft  doch  ein  Abgrund ­
  zwischen  dem  Bauer,  dem  eigentlichen  rumänischen  Element,
und  ihnen.  Es  sind  in  Wirklichkeit  zwei  verschiedene  Völker,  die
            
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