Kapitel IV. Friedrich List und die nationale Volkswirtschaftslehre. 315
Wenn sich in dieser Hinsicht der Lisi’sche Protektionismus an
das Schauspiel des modernen Wirtschaftslebens anschließt, so verbindet
ihn offenbar eine noch engere Verwandtschaft mit dem früheren
Merkantilismus. List hat denn auch seine Bewunderung für die
Merkantilisten und besonders für Colbeet niemals verleugnet. Er
beschuldigte Smith und Say, sie verkannt zu haben, und behauptete
von ihnen, daß sie viel eher den Namen Merkantilisten verdienten, da
sie die krämerhafte, kindliche Auffassung: „billig einkaufen und teuer
verkaufen“, auf ganze Nationen anzuwenden suchten. In zwei wesent
lichen Gesichtspunkten jedoch unterscheidet er sich von den Merkan
tilisten. Einerseits ersetzt die Idee der industriellen Erziehung,
die die Gedanken List’s beherrscht, in glücklicher Weise die der
günstigen Handelsbilanz; und während die letztere endgültig von
der Wissenschaft verworfen worden ist, ist im Gegenteil die erstere
keinem prinzipiellen Einwurf ausgesetzt und ist auch von Schrift
stellern, die so entschieden liberal waren, wie Stuaet Mill, an
genommen worden. Andererseits und vor allem war der Merkan
tilismus im XVII. Jahrhundert das Instrument einer dauernden
Politik nationaler Exklusivität; der Schutzzoll List’s aber ist im
Hegenteil in seinen Gedanken ein Mittel, die Völker einer gerechteren
Gemeinschaft zuzuführen. Er ist ein Übergangssystem, ein
Verfahren, das auf den Umständen beruht.
Ebensowenig, wie das System List’s ein direkter Nachkomme
des alten Merkantilismus ist, kann es als Ursprung des modernen
Schutzzollsystems angesehen werden. Sogar in Deutschland war der
praktische Einfluß des Buches zur Zeit seines Erscheinens, trotz des
großen literarischen Erfolges, keineswegs von Bedeutung, — wenn
Man nicht die geringe Zollerhöhung, die der Zollverein 1846 be
schloß, mit ihm, sowie mit dem Kampf, den List in seiner Zeitung *)
für den Schutzzoll führte, in Verbindung bringen will. Die liberalen
Reformen des englischen Ministers Peel, die im gleichen Jahre durch
die Abschaffung der Corn-Laws gekrönt wurden, das Aufsehen, das
diese Maßnahme in Europa erregte, und die offizielle Bestätigung, die
so die Ideen Cobden’s erhielten, beherrschten fast vollständig die
öffentliche Meinung und lenkten die Handelspolitik der europäischen
Staaten für viele Jahre im voraus in eine liberale Richtung. Die
Politik der Handelsverträge, mit der Napoleon III. den Anfang
Machte, gab dieser allgemeinen Anschauung Ausdruck.
Von 1879 ab beginnt eine neue schutzzöllnerische Bewegung in
Europa einzusetzen. Die Nationen errichten zwischen einander immer
höhere Zollschranken. Können die neuen Zolltarife, die nach und
*) Das Zollvereinsblatt, das er seit 1843 herausgab.