Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Zweites  Buch.  Die  Gegner.

nach  in  Deutschland  und  Frankreich  zur  Anwendung  gelangen,  als
Ausfluß  der  Ideen  List’s  angesprochen  werden?
Anscheinend  nicht.  Keines  der  beiden  Länder,  und  ebensowenig
die  einem  energischen  Protektionismus  treu  gebliebenen  Vereinigten
Staaten,  hat  es  heute  noch  nötig,  seine  Industrie  zu  erziehen.  Schon
seit  langem  haben  sie  jenen  hoch  entwickelten  Zustand  erreicht,  der
nach  List  zur  vollen  Entfaltung  ihrer  Zivilisation  und  ihrer  Macht
notwendig  ist.  Im  besonderen  stehen  Deutschland  und  die  Vereinigten ­
  Staaten  England  in  dieser  Hinsicht  nicht  mehr  nach.  Ihre
Handels-  und  Kriegsflotten  sind  mächtig,  und  ihr  Kolonialreich  breitet
sich  ständig  aus.  Wenn  List  heute  wiederkehrte,  würde  er,  der
mit  solcher  Entschiedenheit  den  relativen  Wert  der  verschiedenen
Handelssysteme,  die  Notwendigkeit,  sie  den  wechselnden  Bedingungen
der  Zeitläufte  und  der  Völker  anzupassen,  betont  hat,  und  der  hohe
Zölle  immer  nur  als  vorübergehende  Maßregel  zuließ,  wahrscheinlich
auf  der  Seite  derer  sein,  die  eine  Erniedrigung  der  Zollschranken
gerade  im  Interesse  einer  freieren  Ausdehnung  der  produktiven
Kräfte  fordern.  Hat  er  nicht  selbst  angekündigt,  „daß  nach  Verlauf
einiger  Jahrzehnte  durch  die  Vervollkommnung  der  Transportmittel
die  zivilisierten  Nationen  der  Erde  in  Beziehung  auf  den  materiellen
wie  auf  den  geistigen  Verkehr  so  eng  oder  noch  enger  unter  sich
verbunden  sein  werden,  wie  vor  einem  Jahrhundert  die  verschiedenen
Grafschaften  von  England“ 1 )?
Die  einschneidenden  Veränderungen  der  wirtschaftlichen  Lage,
die  seit  60  Jahren  eingetreten  sind,  gestatten  heute  nicht  nur  nicht
mehr,  den  Schutzzoll  der  großen  handeltreibenden  Nationen  durch
die  Notwendigkeit  einer  „industriellen  Erziehung“  irgendwie  zu
rechtfertigen,  sondern  die  hauptsächlichsten  Merkmale  dieses  Systems
stehen  in  Widerspruch  mit  den  von  List  aufgestellten  Grundregeln.
Weit  davon  entfernt,  die  Landwirtschaft  ihrer  natürlichen  Entwicklung ­
  zu  überlassen,  wie  er  es  wollte,  hat  vielfach  gerade  der  Schutz
der  Landwirtschaft  (unter  anderem  in  Frankreich  und  in  Deutschland)
als  Vorwand  gedient,  den  Zolltarif  ganz  allgemein  zu  erhöhen.  Die
Konkurrenz  des  amerikanischen  Getreides  war  im  letzten  Viertel
des  19.  Jahrhunderts  die  brutale  Tatsache,  die  in  Europa  die  Ver-*)
  Nat.  Syst.  Ausg.  Cotta,  S.  190.  Wir  geben  übrigens  nicht  vor,  behaupten
zu  wollen,  daß  zur  Zeit  List’s  die  Lage  Deutschlands  stärker  als  heute  einen  Schutzzoll ­
  erheischte.  Man  kann  dies  bezweifeln,  wenn  man  daran  denkt,  daß  Chaptau
1819  von  Sachsen  sagte:  „daß  dieses  Land  sich  durch  seine  Industrie  in  den  ersten
Bang  der  Manufakturvölker  Europas  gestellt  habe“  (De  l’industrie  frangaise,
Bd.  I,  S.  75)  und  von  Preußen:  „daß  allein  schon  die  Industrie  Aachens  und  seiner
Umgebung  genügen  würde,  um  ein  Volk  auszuzeichnen“  (ebenda  S.  76),  und  wenn
man  sich  endlich  daran  erinnert,  daß  der  ganze  Grund  zu  dem  heutigen  Wohlstand
Deutschlands  unter  einem  höchst  liberalen  Eegierungssystem  gelegt  worden  ist.
            
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