Object: Die freiwilligen sozialen Fürsorge- u. Wohlfahrtseinrichtungen in Gewerbe, Handel u. Industrie im Deutschen Reiche

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Charakter und Entwicklung der „Deutschen Ehrentafel“. 
beruhenden Aufwendungen gewonnen wird. Diese Anregung wurde beifällig aufgenommen, 
und es soll dieserhalb mit der Redaktion des ,Arbeiterfreund‘ verhandelt werden.“ Das 
Ergebnis dieser Verhandlungen war, daß im Einverständnis mit der Redaktion der Bear 
beiter die vorgenannte Resolution als Richtschnur für die weitere Gestaltung der „Ehren 
tafel“ auffaßte. Schon das Jahr 1898 zeigt eine Zusammenstellung der innerhalb Jahres 
frist im Deutschen Reiche ermittelten Zuwendungen für Arbeiterwohlfahrt in Höhe von 
rund 27% Millionen Mark. Von 1899 ab wurden nun auch allgemeine, für die Wohlfahrt 
der unbemittelten Klassen überhaupt bestimmte Zuwendungen mit registriert und das 
Unterlagenmaterial erheblich erweitert. Die Ergebnisse dieser intensiveren Ermittlung 
waren überraschend. Sie zeigten schon im nächsten Jahre einen Betrag von 39 Millionen 
Mark und stiegen andauernd, so daß das Jahr 1905 einen Totalbetrag an freiwilligen Wohl 
fahrtsspenden im Deutschen Reiche von 116 222 729 Mark aufweist. Man kann sich nicht 
darüber wundern, daß solche Ziffern als ein neuer Faktor für die Beurteilung der 
sittlichen und sozialpolitischen Vorgänge der Gegenwart betrachtet wurden. 
Die Ergebnisse der „Ehrentafel“ wurden denn auch von einem großen Teil der in- und aus 
ländischen Presse alljährlich abgedruckt und vielfach als Beweis für eine rege Entwicklung 
opferwilliger und gemeinnütziger Gesinnung innerhalb der deutschen Reichsgrenzen um 
so mehr angesehen, weil doch seit 1884 durch die Versicherungsgesetzgebung dem deutschen 
Unternehmertum ein materielles Opfer von jährlich über 200 Millionen Mark 1 ) auf erlegt 
worden war. Allerdings ist auch nicht zu leugnen, daß hier und da ein tendenziöser Miß 
brauch mit den Ergebnissen der deutschen „Ehrentafel“ getrieben worden ist. Führende 
Organe der Arbeiterschaft haben die Resultate mehrfach als geringfügig bezeichnet, in 
dem sie einfach mit der Kopfzahl der Bevölkerung oder doch der gesamten Arbeiterschaft 
in die Ergebnisse hineindividierten, während doch höchstens die Zahl der in den ermittelten 
Etablissements beschäftigten Arbeiter als Divisor angenommen werden durfte; oder man 
exemplizierte, wie viel die Spender ihren Arbeitern vorenthalten haben müßten, wenn sie 
auf einmal so viel schenken konnten. Andererseits haben große Tagesblätter auch oft die 
gesamten „Ehrentafel“-Ergebnisse als Spenden der Arbeitgeber bezeichnet und dabei 
außer acht gelassen, daß auch Stiftungen und Vermächtnisse für allgemein gemeinnützige 
Zwecke mit berücksichtigt worden sind und daß etwa nur reichlich die Hälfte der ermittelten 
Zuwendungen direkt auf Arbeitgeber entfällt. Der Bearbeiter der „Ehrentafel“ war sich be 
wußt, daß er zu solcher einseitigen und tendenziösen Verwertung der „Ehrentafel“-Ergeb- 
nisse keinen Anlaß gegeben hat. Aus den Überschriften und Rubriken der Zusammen 
stellungen und aus den alljährlich hinzugefügten Erläuterungen geht unzweideutig Ur 
sprung und Art der Zuwendungen hervor. Man hat gegen die „Ehrentafel“ ferner eingewendet, 
daß es vielfach den Spendern unlieb sei, in der „Ehrentafel“ aufgeführt und dadurch in die 
Öffentlichkeit gezogen zu werden. Hierauf sei ergänzend zu den bereits oben gemachten 
Ausführungen die Tatsache mitgeteilt, daß nahezu sämtliche aufgeführten Einzelspenden 
der „Ehrentafel“ gedruckten Unterlagen entstammen, also bereits vorher in Tages- und 
Fachblättern, in Jahresberichten, Denkschriften, Festschriften usw. der Öffentlichkeit 
unterbreitet worden waren. Es ist ferner die Unvollständigkeit der „Ehrentafel“ bemängelt 
worden. Der Bearbeiter hat diesen begründeten Mangel auch stets bedauert, allein wenn 
es doch schon einer einzigen Arbeitskraft möglich gewesen war, innerhalb eines zehn 
jährigen Zeitraumes die jährliche Endziffer der deutschen „Ehrentafel“ von 19 Millionen 
bis auf 116 Millionen Mark zu steigern, so ist doch dadurch angedeutet, auf welchem Wege 
weitere Vervollständigungen der Ergebnisse zu erzielen sein dürften. Nach den im Jahre 
1905 erzielten Ergebnissen war auch die Vermutung begründet, daß erhebliche Summen, 
wenigstens an der Vollständigkeit der privaten Spenden, nicht fehlen konnten. Durch 
x ) Für 1891 bezifferte sich der Beitrag der Arbeitgeber zur gesetzlichen Arbeiterversicherung auf 
124880000 M., für 1901 auf 238024000 M., für 1911 auf 441597700 M. uud für den ganzen Zeitraum 
von 1885—1911 auf 5687558000 Mk.!
	        
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