Kap. IV. Einfluß auf die soziale Organisation. ZZZ
lichen Beweggründe, und politische Systeme könnten nur auf den
Gedanken begründet werden, daß nur durch die Furcht vor Strafe
die Ehrlichkeit unter den Menschen aufrecht zu erhalten — daß selbst
süchtige Interessen immer stärker seien als allgemeine. Nichts kann
weiter von der Wahrheit entfernt sein.
Woher kommt diese Gier nach Gewinn, in deren Befriedigung
die Menschen alles, was rein und edel ist, unter die Füße treten, der sie
die höhere Entwicklung des Lebens opfern, die die Höflichkeit in hohlen
Schein, den Patriotismus zu einem bloßen Worte und die Religion
in Heuchelei verwandelt, die einen so großen Teil des zivilisierten Daseins
zu einer ismaelitischen Kriegführung macht, deren Waffen die Hinterlist
und der Betrug sind?
Entspringt sie nicht aus dem Vorhandensein des Mangels? Larlyle
sagt irgendwo, die Armut sei die moderne Hölle, vor der der Engländer
am meisten Furcht habe. Und er hat Recht. Die Armut ist die erbar
mungslose £?ölle, die mit weit aufgesperrtem Rachen unter der zivili
sierten Gesellschaft gähnt. Und sie ist Hölle genug. Die Vedas enthalten
kein wahreres Wort als das, wo die weise Krähe Bushanda dem Adler
träger vishnus sagt, die schärfste Pein sei die Armut. Denn die Armut
ist nicht bloß Entbehrung, sie bedeutet Schande, Entwürdigung, das
versengen der empfindlichsten Teile unserer moralischen und geistigen
Natur gleichsam wie mit glühendem Eisen, die Verneinung der stärksten
Antriebe und der süßesten Gefühle, die Bloßlegung der stärksten Lebens
nerven. Du liebst dein Weib, du liebst deine Kinder; würde es aber nicht
leichter sein, sie sterben als zu der bitteren Not verdammt zu sehen,
worin große Klassen aller hoch zivilisierten Staaten leben? Der stärkste
der tierischen Triebe ist der, mit welchem wir am Leben hängen, aber
es ist in zivilisierten Gesellschaften ein alltägliches Vorkommnis, daß
Männer sich aus Furcht vor der Armut eine Kugel durch den Kopf
schießen oder Gift nehmen, und auf einen, der dies tut, gibt es wahr
scheinlich hundert, die denselben Wunsch haben, aber durch instinktiven
Schauder, religiöse Rücksichten oder Familienbande zurückgehalten
werden.
Ls ist nur natürlich, daß die Menschen alle nur möglichen An
strengungen machen, um dieser Hölle der Armut zu entrinnen. Mit
dem Selbsterhaltungs- und Selbstbefriedigungstriebe verbinden sich
edlere Gefühle, und Liebe sowohl wie Furcht drängt den Kampf auf.
Mancher begeht etwas Schlechtes, Unehrliches, habsüchtiges und Un
gerechtes in dem Bemühen, Mutter, Weib oder Kinder über den Mangel
oder über die Furcht vor dem Mangel zu erheben.
Und aus diesem Stande der Dinge entsteht eine öffentliche Mei
nung, die eine der stärksten Triebfedern —bei vielen vielleicht die stärkste —
der menschlichen Handlungen als treibende Kraft in dem Kampf um
Ergreifen und Behalten anwirbt. Der Wunsch nach Anerkennung, das
Eefühl, welches uns antreibt, die Achtung, Bewunderung, Sympathie