Aap. IV.
337
Einfluß auf die soziale Organisation.
verbindet und überwältigt, dem nichts unmöglich scheint. „Alles, was
ein Mensch hat, gibt er für sein Leben"—das ist Ligennutz. Aber höheren
Antrieben gehorchend, opfern die Menschen selbst das Leben.
Nicht die Selbstsucht ist es, die die Jahrbücher jedes Volkes mit
Melden und Heiligen bereichert. Nicht die Selbstsucht ist es, die auf jeder
Seite der Weltgeschichte im plötzlichen Glanz edler Taten hervorbricht
oder den sanften Schimmer eines gütigen Lharakters verbreitet. Nicht
Selbstsucht war es, die Gautama seiner königlichen Heimat den Rücken
wenden oder der Jungfrau von Orleans das Schwert vom Altar nehmen
hieß, die die Dreihundert im paß von Thermopylä hielt oder in Winkel
rieds Brust die Speergarbe eingrub, die vinzent von Paul an die
Galeerenbank kettete oder während der indischen Hungersnot kleine
hungernde Rinder dazu brachte, mit noch schwächeren verhungernden
in ihren Armen zu den Hilfsstationen zu taumeln.
Nennt es Religion, Vaterlandsliebe, Mitgefühl, Begeisterung
für Menschlichkeit oder Liebe zu Gott — gebt ihm welchen Namen
ihr wollt; aber es gibt eine Kraft, die die Selbstsucht bezwingt und
vertreibt, eine Kraft, welche die Elektrizität des moralischen Weltalls
ist, eine Kraft, neben der alle anderen schwach sind, überall, wo Menschen
lebten, hat sie ihre Macht gezeigt, und heute ist die Welt so voll von ihr
wie je. Bedauernswert der Mensch, der sie nie gesehen und gefühlt
hat. Man sehe nur um sich! Unter gewöhnlichen Männern und Frauen
inmitten der Sorge und des Kampfes um das tägliche Leben, im Gewirr
der lärmenden Straßen und in den schmutzigen Stätten der Armut findet
man hin und wieder die Dunkelheit erhellt durch das flackernde Spiel
ihrer leckenden Flammen, wer dies nicht gesehen, ist mit geschlossenen
Augen umhergegangen, wer um sich schaut, kann sehen, wie plutarch
sagt, daß „die Seele ein Prinzip der Güte in sich hat und zur Liebe ge
boren ist so gut wie zum Beobachten, zum Denken und zum Erinnern".
Und diese Kraft der Kräfte, die jetzt unbenutzt verkommt oder
verderbte Formen annimmt, können wir zur Stärkung, zum Auf
bauen, zur Veredelung der Gesellschaft benutzen, wenn wir nur wollen
gerade wie wir jetzt Naturkräfte benutzen, die vormals nur als Mächte
der Zerstörung erschienen. Alles, was wir zu tun haben, ist nur, Freiheit
und Spielraum zu gewähren. Das Unrecht, welches die Ungleichheit
erzeugt; das Unrecht, welches inmitten des Überflusses die Menschen
Mit Armut martert oder sie mit der Furcht vor der Armut quält,
das sie körperlich am Wachstum hindert, geistig herabwürdigt und
Moralisch verkrüppelt, dies Unrecht allein ist es, was die harmonische
soziale Entwicklung hindert. Denn: „Alles was von den Göttern
herrührt, ist voller Vorsorge, wir sind für das Zusammenwirken ge
schaffen — gleich den Füßen, den Händen, den Augenbrauen, den Reihen
der oberen und unteren Zähne."
Es gibt Leute, in deren Kopf es nie eingeht, sich einen besseren
Eesellschaftszustand vorzustellen als denjenigen, der jetzt besteht —
®cotge, Fortschritt und Armut. 22