Kap. XL
Die Unterschiede in der Zivilisation.
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tragung angeführten Tatsachen haben in Wirklichkeit nicht mehr Gewicht,
als die hier angeführte Ansicht unseres Vorderdeck-Darwinianers
g Daß z. B. eine große Anzahl von Verbrechern und Almosenempfän
gern in New pork nachweislich bis drei oder vier Generationen zurück
von verarmten abstammen, wird vielfach als Beispiel erblicher Über
tragung angeführt. Allein dies beweist nichts dergleichen, umsoweniger
als eine angemessenere Erklärung der Dinge näher liegt. Bettler werden
Bettler ausziehen, selbst wenn die Rinder nicht ihre eigenen sind, gerade
wie familiäre Berührung mit |t)erbre^^em aus Rindern der tugend
haftesten Eltern Verbrecher machen wird Sich auf Almosen verlassen
lernen, heißt notwendig die^ Selbstachtung und Unabhängigkeit verlieren,
die, wenn der Rampf hart ist, zum Selbstvertrauen nötig sind. So wahr
ist dies, daß, wie allbekannt, die Mildtätigkeit die Wirkung hat, den
Anspruch aus dieselbe zu erhöhen, und es ist eine offene Frage, ob öffent
liche Unterstützungen und privatälmosen deshalb nicht viel mehr schaden
als nützen. Und dasselbe ist es mit der Anlage der Rinder, dieselben
Gefühle, Neigungen, Vorurteile oder Talente wie ihre Eltern zu zeigen.
Sie saugen diese Anlagen ein, genau so wie sie Gewöhnungen ihres
Umganges annehmen. Und die Ausnahmen, wo Abneigung oder Wider
willen erregt werden, bestätigen nur die Regel
Ls gibt aber, glaube ich, noch einen feineren Einfluß, der oft das
jenige erklärt, was man als Atavismus betrachtet — denselben Ein
fluß, der dem jugendlichen Leser von Räubergeschichten den Wunsch
eingibt, ein Räuber zu werden. Ich kannte einmal einen Herrn, in
dessen Adern das Blut indianischer Häuptlinge rann. Er pflegte mir
Geschichten zu erzählen, die er von seinem Großvater gelernt hatte,
und welche die einem Weißen schwer verständlichen Gewohnheiten der
Indianer erläuterten — den mächtigen aber geduldigen Blutdurst des
Pfadläufers und die Geistesstärke der am Marterpfahl Stehenden.
Nach der Art und weise, wie er sich darüber aussprach, bezweifle ich
keinen Augenblick, daß er, ein so hochgebildeter, zivilisierter Mann er
war, unter gewissen Umständen Lharakterzüge gezeigt haben würde,
die man seinem indianischen Blute zugeschrieben hätte, die aber in
Wirklichkeit durch das Brüten seiner Phantasie über die Taten seiner
Ahnen ausreichend zu erklären gewesen wären*).
In jedem großen Volke können wir zwischen verschiedenen Rlassen
und Gruppen Unterschiede gleicher Art finden wie die, welche zwischen
pölkern bestehen, die wir in verschiedenem Grade zivilisiert nennen.—
Unterschiede des Wissens, des Glaubens, der Gebräuche, des Geschmackes
und der Sprache, die in ihren Extremen unter Menschen der gleichen
Aasse und des gleichen Landes fast ebenso große Verschiedenheiten
*) Wordsworth hat in hochpoetischer Form auf diesen Einfluß hingedeutet: „Die
rostenden Harnische seiner Hallen rufen das Blut der Llifford an; unterwirf' die Schotten,
wahnt die Lanze; trag' mich ins Herz des Frankenreiches ist das Sehnen des Schildes."