Full text : Fortschritt und Armut

358

Buch  X.

Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

zeigen  wie  zwischen  zivilisierten  und  wilden  Völkern,  wie  alle  Stadien
der  sozialen  Entwicklung,  vorn  Steinzeitalter  aufwärts,  noch  jetzt  bei
Völkern  der  Gegenwart  zu  finden  sind,  so  finden  sich  auch  in  ein  und
demselben  Lande,  ja  in  ein  und  derselben  Stadt  nebeneinander  Gruppen,
welche  ähnliche  Verschiedenheiten  zeigen.  In  Ländern  wie  England
und  Deutschland  sprechen  Rinder  der  gleichen  Rasse,  am  gleichen  Orte
geboren  und  erzogen,  die  Sprache  verschieden,  haben  verschiedenen
Glauben,  folgen  verschiedenen  Sitten  und  zeigen  verschiedenen  Geschmack;
und  selbst  in  einem  Lande  wie  die  Vereinigten  Staaten  können  Unterschiede ­
  gleicher  Art,  wenn  auch  nicht  gleichen  Grades,  zwischen  verschiedenen ­
  Rreisen  und  Gruppen  gefunden  werden.
Diese  Unterschiede  sind  aber  sicher  nicht  angeboren.  Rein  Säugling
wird  als  Methodist  oder  Ratholik  oder  mit  einer  Anlage  zum  bjoch-  oder
jAattsprechen  geboren.  Alle  diese  Unterschiede,  welche  verschiedene
Gruppen  und  Rreise  auszeichnen,  rühren  von  der  engeren  Gemeinschaft
in  diesen  Rreisen  her.
Die  Ianitscharen  wurden  aus  Jünglingen  gebildet,  die  man  im
frühen  Alter  christlichen  Eltern  entrissen  hatte,  aber  nichtsdestoweniger
waren  sie  fanatische  Muselmänner  und  nichtsdestoweniger  zeigten  sie
alle  türkischen  Lharakterzüge;  die  Jesuiten  und  andere  Orden  zeigen
einen  bestimmten  Lharakter,  aber  derselbe  ist  sicher  nicht  durch  erbliche
Übertragungen  verewigt;  und  selbst  solche  Verbindungen  wie  Schulen
und  Regimenter,  deren  Bestandteile  nur  kurze  Zeit  beieinander  bleiben
und  fortwährend  wechseln,  zeigen  allgemeine  Merkmale,  die  das  Ergebnis
geistiger,  durch  die  enge  Gemeinschaft  fortgepflanzter  Eindrücke  sind.
Es  ist  diese  Gesamtheit  von  Überlieferungen,  Glauben,  Sitten,  Gesetzen,
Gewohnheiten  und  Gemeinschaften,  wie  sie  in  jedem  Volke  entstehen
und  jeden  einzelnen  umgeben  —diese  „superorganische  ^Umgebung",  wie
Herbert  Spencer  es  nennt  —,  was  nach  meinem  Dafürhalten  den
Nationalcharakter  hauptsächlich  bestimmt.  Viel  mehr  als  erbliche  Übertragung ­
  ist  es  dies,  was  den  Engländer  vom  Franzosen,  den  Deutschen
vom  Italiener,  den  Amerikaner  vom  Lhinesen  und  den  zivilisierten
Menschen  vom  wilden  unterscheidet.  Dies  ist  die  Art  und  weise,  auf
welche  nationale  Lharakterzüge  erhalten,  ausgedehnt  oder  verändert
werden.
Die  erbliche  Übertragung  kann  innerhalb  gewisser  Grenzen  (oder
wenn  man  lieber  will,  an  sich  ohne  Grenzen)  Eigenschaften  entwickeln
oder  ändern;  allein  dies  ist  mit  den  körperlichen  Eigenschaften  des
Menschen  weit  mehr  als  mit  den  geistigen,  und  mit  den  Tieren  weit
mehr  der  Fall  als  mit  den  körperlichen  Eigenschaften  des  Menschen-Folgerungen
  aus  der  Züchtung  von  Tauben  oder  Rindern  werden  aus
einem  klaren  Grunde  nicht  auf  den  Menschen  passen.  Das  Leben  des
Menschen,  selbst  in  seinem  rohesten  Zustande,  ist  unendlich  verwickelter.
Er  ist  beständig  durch  eine  unendlich  größere  Anzahl  von  Einflüssen
bewegt  unter  welchen  der  relative  Einfluß  der  Erblichkeit  immer  geringer
            
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