Full text: Fortschritt und Armut

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Buch X. 
Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes. 
zeigen wie zwischen zivilisierten und wilden Völkern, wie alle Stadien 
der sozialen Entwicklung, vorn Steinzeitalter aufwärts, noch jetzt bei 
Völkern der Gegenwart zu finden sind, so finden sich auch in ein und 
demselben Lande, ja in ein und derselben Stadt nebeneinander Gruppen, 
welche ähnliche Verschiedenheiten zeigen. In Ländern wie England 
und Deutschland sprechen Rinder der gleichen Rasse, am gleichen Orte 
geboren und erzogen, die Sprache verschieden, haben verschiedenen 
Glauben, folgen verschiedenen Sitten und zeigen verschiedenen Geschmack; 
und selbst in einem Lande wie die Vereinigten Staaten können Unter 
schiede gleicher Art, wenn auch nicht gleichen Grades, zwischen verschie 
denen Rreisen und Gruppen gefunden werden. 
Diese Unterschiede sind aber sicher nicht angeboren. Rein Säugling 
wird als Methodist oder Ratholik oder mit einer Anlage zum bjoch- oder 
jAattsprechen geboren. Alle diese Unterschiede, welche verschiedene 
Gruppen und Rreise auszeichnen, rühren von der engeren Gemeinschaft 
in diesen Rreisen her. 
Die Ianitscharen wurden aus Jünglingen gebildet, die man im 
frühen Alter christlichen Eltern entrissen hatte, aber nichtsdestoweniger 
waren sie fanatische Muselmänner und nichtsdestoweniger zeigten sie 
alle türkischen Lharakterzüge; die Jesuiten und andere Orden zeigen 
einen bestimmten Lharakter, aber derselbe ist sicher nicht durch erbliche 
Übertragungen verewigt; und selbst solche Verbindungen wie Schulen 
und Regimenter, deren Bestandteile nur kurze Zeit beieinander bleiben 
und fortwährend wechseln, zeigen allgemeine Merkmale, die das Ergebnis 
geistiger, durch die enge Gemeinschaft fortgepflanzter Eindrücke sind. 
Es ist diese Gesamtheit von Überlieferungen, Glauben, Sitten, Gesetzen, 
Gewohnheiten und Gemeinschaften, wie sie in jedem Volke entstehen 
und jeden einzelnen umgeben —diese „superorganische ^Umgebung", wie 
Herbert Spencer es nennt —, was nach meinem Dafürhalten den 
Nationalcharakter hauptsächlich bestimmt. Viel mehr als erbliche Über 
tragung ist es dies, was den Engländer vom Franzosen, den Deutschen 
vom Italiener, den Amerikaner vom Lhinesen und den zivilisierten 
Menschen vom wilden unterscheidet. Dies ist die Art und weise, auf 
welche nationale Lharakterzüge erhalten, ausgedehnt oder verändert 
werden. 
Die erbliche Übertragung kann innerhalb gewisser Grenzen (oder 
wenn man lieber will, an sich ohne Grenzen) Eigenschaften entwickeln 
oder ändern; allein dies ist mit den körperlichen Eigenschaften des 
Menschen weit mehr als mit den geistigen, und mit den Tieren weit 
mehr der Fall als mit den körperlichen Eigenschaften des Menschen- 
Folgerungen aus der Züchtung von Tauben oder Rindern werden aus 
einem klaren Grunde nicht auf den Menschen passen. Das Leben des 
Menschen, selbst in seinem rohesten Zustande, ist unendlich verwickelter. 
Er ist beständig durch eine unendlich größere Anzahl von Einflüssen 
bewegt unter welchen der relative Einfluß der Erblichkeit immer geringer
	        
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