Full text: Fortschritt und Armut

dt 
Kap» III. Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes. 7üJ 
Fortschritt. Ein solcher Staat ist sehr leicht zu erobern, denn die Massen 
des Volkes sind zu einer passiven Ergebung in ein Leben hoffnungsloser 
Arbeit erzogen. Nehmen die Eroberer bloß den Platz der herrschenden 
Klasse ein, wie es die Hyksos in Ägypten und die Tartaren in China 
taten, so wird alles wie vorher weitergehen, verheeren und plündern 
sie, so bleibt der Glanz von Palast und Tempel nur in Ruinen übrige 
die Bevölkerung wird zerstreut und Künste und Wissenschaften gehen 
verloren. 
Die europäische Zivilisation weicht im Lharakter von der des 
ägyptischen Typus ab, weil sie nicht der Vereinigung eines gleich 
artigen, von Anfang an oder wenigstens lange Zeit sich unter den 
selben Verhältnissen entwickelnden Volkes, sondern der Vereinigung 
von Völkern entspringt, die bei ihrer Absonderung unterscheidende 
soziale Eigenartigkeit angenommen hatten und deren kleinere Organi 
sationen länger die Vereinigung von Macht und Reichtum in einem 
Mittelpunkte verhinderte. Die Beschaffenheit der Oberfläche der 
griechischen Halbinsel ist derart, daß sie das Volk zuerst in eine Zahl 
kleiner Staaten trennen mußte. Als diese kleinen Republiken und 
nominellen Königreiche aufhörten, ihre Tatkraft in Kriegen zu ver 
geuden, und als das friedliche Zusammenwirken des Handels sich aus 
dehnte, flammte das Licht der Zivilisation auf. Doch war das Prinzip 
der Vereinigung nie stark genug, um Griechenland vor inneren Fehden 
zu bewahren, und als dem durch Eroberung ein Ende gemacht wurde,, 
erreichte die Tendenz zur Ungleichheit, die von den griechischen weisen 
und Staatsmännern durch verschiedene Mittel bekämpft worden war, 
ihr Ziel, und griechische Tapferkeit, Kunst und Literatur wurden Dinge 
der Vergangenheit. Und ebenso kann man in der Entstehung und Aus 
dehnung, dem Rückgang und Untergang der römischen Zivilisation die 
Einwirkung dieser beiden Prinzipien der Assoziation und Gleichheit, 
aus deren Verbindung der Fortschritt entspringt, beobachten. 
Aus der Vereinigung der unabhängigen Bauern und freien Bürger 
Italiens hervorgegangen und aus Eroberungen, die feindliche Völker 
in gemeinsame Verbindung brachten, frische Kraft ziehend, gebot die 
römische Macht der Welt den Frieden. Aber die Tendenz zur Ungleich 
heit, von Anfang an den wahren Fortschritt hemmend, steigerte sich mit 
der Ausdehnung der römischen Zivilisation. Sie versteinerte nicht wie 
die homogenen Zivilisationen, in denen die starken Bande der Gebräuche 
und des Aberglaubens, die das Volk in Unterjochung hielten, es wahr 
scheinlich auch schützten, oder jedenfalls den Frieden zwischen Herrschern 
und Beherrschten aufrecht erhielten; sie verrottete, sank und fiel. Lange 
ehe die Goten oder Vandalen den Kordon der Legionen durchbrochen 
hatten, ja während seine Grenzen sich noch erweiterten, war Rom schon 
im Kerzen tot. Die großen Güter hatten Italien zugrunde gerichtet. 
Die Ungleichheit hatte die Kraft der römischen Welt aufgetrocknet und 
ihre Tapferkeit vernichtet. Die Regierung wurde zum Despotismus,
	        
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