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Buch X.
Das Gesetz des menschlichen Fortschrittes.
gerade wie Zeiten des Fortschrittes; und es ist ferner klar, daß inan diese
Perioden des Rückganges anfänglich nicht allgemein zu erkennen ver
mochte.
Der würde ein tollkühner Mann gewesen sein, der, als Augustu^
das aus Ziegeln erbaute Rom in das marmorne Rom verwandelte,
als der Reichtum sich vermehrte und die Pracht sich steigerte, als sieg
reiche Legionen die Grenzen ausdehnten, als die Sitten und die Sprache
sich verfeinerten, die Literatur sich zu hohem Glanze erhob — der würde
ein tollkühner Mann gewesen sein, der damals gesagt hätte, daß Rom
sich seinem Verfall zuneige. Und doch war es der Fall.
Und wer jetzt um sich blickt, kann sehen, daß, obgleich unsere Zivili
sation unstreitig mit größerer Schnelligkeit als je vorschreitet, dieselbe
Ursache, welche den Fortschritt Roms in Rückgang verwandelte, jetzt
wirksam ist.
Mas jede frühere Zivilisation zerstört hat, war die Tendenz zur
ungleichen Verteilung des Reichtums und der Macht. Diese selbe,,
mit zunehmender Kraft wirkende Tendenz ist in unserer heutigen Zivili
sation bemerkbar, sie zeigt sich in jedem fortschreitenden Lande, je mehr
das Land fortschreitet. Lohn und Zins neigen beständig zum Sinken,
die Rente zum Steigen, die Reichen werden reicher, die Armen hilf-
und hoffnungsloser, und die Mittelklassen verschwinden.
Ich habe diese Tendenz auf ihre Ursache zurückgeführt. Ich habe
gezeigt, durch welche einfachen Mittel diese Ursache beseitigt werden
kann. Ich wünsche nun zu zeigen, auf welche Meise, wenn dies nicht
geschieht, der Fortschritt zum Verfall werden, die moderne Zivilisation
zur Barbarei herabsinken muß, wie es allen früheren Zivilisationen
ergangen ist. Es verlohnt sich der Mühe, nachzuweisen, auf welche
Meise dies sich ereignen kann, da viele Leute, die nicht einzusehen ver
mögen, wie der Fortschritt in Rückschritt übergehen kann, etwas Der
artiges für unmöglich halten. Gibbon z. B. dachte, daß die moderne
Zivilisation nie zugrunde gehen könne, weil keine Barbaren mehr vor
handen seien, um sie zu überwältigen, und es ist eine gewöhnliche Vor
stellung, daß die Erfindung der Buchdruckerkunst, welche die Bücher
dermaßen vervielfältigt, die Möglichkeit verhindert habe, daß das Missen
je wieder verloren gehen könnte.
Die Bedingungen des sozialen Fortschrittes sind, nach unserer
Formulierung des Gesetzes, die Assoziation und die Gleichheit. Die
allgemeine Tendenz der modernen Entwicklung war seit der Zeit,
wo wir die ersten Strahlen der Zivilisation in der auf den Fall des Mest-
reiches folgenden Dunkelheit entdecken können, auf politische und ge
setzliche Gleichheit gerichtet, auf Abschaffung der Sklaverei, Aufhebung
der Frondienste, Beseitigung der erblichen Vorrechte, Ersetzung der
willkürlichen Regierung durch die parlamentarische, auf Gewissens
freiheit, gleichmäßigere Sicherheit der Person und des Eigentums für
Hoch und Niedrig, für den Starken und für den Schwachen,, auf die