Full text : Fortschritt und Armut

Aax.  IV.  Auf  welche  weise  die  moderne  Zivilisation  zurückgehen  kann.

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Die  mit  dem  verfall  der  römischen  Zivilisation  beständig  zunehmende
Anwendung  der  Tortur  bei  gerichtlichen  Untersuchungen  kann  daher,
wie  hieraus  leicht  zu  ersehen,  als  eine  notwendige  Verbesserung  des
Kriminalrechts  gefordert  werden,  wenn  die  Sitten  roher  werden  und  die
verbrechen  sich  vermehren.
Ob  in  den  gegenwärtigen  Zügen  der  Meinungen  und  des  Geschmacks
bisher  Anzeichen  des  Rückganges  nachweisbar  find,  braucht  nicht  untersucht ­
  zu  werden;  aber  viele  Dinge,  über  die  kein  Streit  bestehen  kann,
deuten  darauf  hin,  daß  unsere  Zivilisation  einen  kritischen  Abschnitt
erreicht  hat,  und  daß,  wenn  nicht  ein  neuer  Anlauf  in  der  Richtung  der
sozialen  Gleichheit  genommen  wird,  das  neunzehnte  Jahrhundert  leicht
der  Zukunft  als  ihr  Höhepunkt  erscheinen  dürfte.  Die  industriellen  Krisen,
die  ebensoviel  Verheerung  und  Leiden  verursachten  wie  Hungersnot
oder  Kriege,  sind  gleich  den  Schmerzen  und  Anfällen,  die  dem  Schlägfluß
vorangehen.  Überall  ist  es  klar,  daß  die  Tendenz  zur  Ungleichheit,  die
sich  notwendig  aus  dem  materiellen  Fortschritt  ergibt,  wo  der  Grund  und
Boden  monopolisiert  ist,  nicht  viel  weiter  gehen  darf,  ohne  unsere  Zivilisation ­
  auf  jenen  abschüssigen  Pfad  zu  treiben,  den  zu  betreten  so  leicht
und  zu  verlassen  so  schwer  ist.  Überall  leitet  die  steigende  Härte  des
Kampfes  ums  Dasein,  die  zunehmende  Notwendigkeit,  jeden  Nerv
anzustrengen,  um  nicht  umgeworfen  und  in  dem  Geraffe  nach  Reichtum
unter  die  Füße  getreten  zu  werden,  die  Kräfte  ab,  welche  die  Fortschritte
gewinnen  und  erhalten.  Zn  allen  zivilisierten  Ländern  sind  Pauperismus,
verbrechen,  Wahnsinn  und  Selbstmorde  im  Zunehmen.  Zn  allen
zivilisierten  Ländern  vermehren  sich  die  Krankheiten,  welche  von  Überanstrengung ­
  der  Nerven,  ungenügender  Ernährung,  schmutzigen  Wohnungen, ­
  ungesunden  und  einförmigen  Beschäftigungen,  vorzeitiger
Kinderarbeit  sowie  den  Mühsalen  und  Verbrechen,  welche  die  Armut
den  Frauen  auferlegt,  herrühren.  Zn  allen  hoch  zivilisierten  Ländern
scheint  das  durchschnittliche  Lebensalter  der  Menschen,  welches  seit  einigen
Zahrhunderten  allgemach  stieg  und  ungefähr  im  ersten  viertel  dieses
Zahrhunderts  seinen  Höhepunkt  erreicht  zu  haben  scheint,  jetzt  wieder
abzunehmen*).
Solche  Ziffern  deuten  auf  keine  vorschreitende  Zivilisation.  Ls
ist  eine  Zivilisation,  die  in  ihren  unter  der  Oberfläche  liegenden  Strömungen ­
  schon  zurückzuschreiten  begonnen  hat.  wenn  die  Flut  in  der
Bucht  oder  im  Fluß  zur  Ebbe  wird,  so  geschieht  dies  nicht  ganz  plötzlich;
sondern  hier  steigt  sie  noch,  während  sie  dort  schon  zurückzutreten  beginnt,
wann  die  Sonne  den  Meridian  überschreitet,  kann  man  nur  nach  der
Richtung  des  Schattens  sagen,  denn  die  Hitze  des  Tages  nimmt  noch  zu.

*)  Statistische  Angaben  über  diese  Dinge  sind  in  handlicher  Form  in  dem  Buche
Samuel  Royces  „veterioration  and  race  education“  zusammengestellt,  das  von  dem
ehrwürdigen  Peter  Looper  von  New  Port  weit  verbreitet  worden  ist.  Sonderbar  genug
ist  das  einzige  Heilmittel,  das  Royce  vorzuschlagen  weiß,  die  Errichtung  von  Kindergärten.
            
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