Full text : Fortschritt und Armut

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Das  Gesetz  des  menschlichen  Fortschrittes.

Buch  X.

Aber  so  sicher  wie  die  sich  drehende  Aut  bald  zur  Ebbe  werden,  so  sicher
wie  die  sinkende  Sonne  die  Dunkelheit  bringen  muß,  so  sicher  hat,  obgleich ­
  das  Wissen  noch  zunimmt  und  der  Ersindungsgeist  noch  vorschreitet,
neue  Staaten  gegründet  werden  und  die  Städte  sich  noch  ausdehnen,
der  Verfall  der  Zivilisation  schon  begonnen,  wenn  wir  im  Verhältnis
zur  Bevölkerung  mehr  und  mehr  Gefängnisse,  Armen-  und  Zrrenhäuser
hauen  müssen.  Die  Gesellschaften  sterben  nicht  von  oben  nach  unten,
sie  sterben  von  unten  nach  oben.
Es  gibt  aber  noch  weit  handgreiflichere  Beweise  für  die  abwärts
neigende  Tendenz  der  Zivilisation,  als  je  von  der  Statistik  geliefert
werden  können.  Es  besteht  ein  vages,  aber  allgemeines  Gefühl  der  Enttäuschung, ­
  eine  zunehmende  Bitterkeit  unter  den  arbeitenden  Klassen,
ein  weitverbreitetes  Gefühl  von  Unruhe  und  brütender  Revolution.
Wäre  dasselbe  von  einer  bestimmten  Vorstellung  begleitet,  wie  Abhilfe
zu  schaffen  ist,  so  würde  es  ein  hoffnungsvolles  Zeichen  sein;  aber  das
ist  es  nicht.  «Obgleich  man  die  Schulftube  schon  eine  Zeitlang  hinter  sich
hat,  scheint  die  Fähigkeit,  die  Wirkung  aus  die  Ursache  zurückzuführen,
im  allgemeinen  nicht  um  eine  Spur  vorgeschritten  zu  sein.  Der  Rückfall
in  den  Protektionismus,  sowie  in  andere,  längst  in  die  Rumpelkammer
geworfene  politische  Täuschungen  beweist  dies*).  Und  auch  der  philosophische ­
  Freidenker  kann  den  ungeheuren  Umschwung  in  den  religiösen
Zdeen,  der  jetzt  in  der  ganzen  zivilisierten  Welt  vor  sich  geht,  nicht  betrachten, ­
  ohne  zu  fühlen,  daß  diese  furchtbare  Tatsache  die  kolossalsten
Folgen  haben  kann,  die  nur  die  Zukunft  zu  enthüllen  vermag.  Denn  was
da  vor  sich  geht,  ist  kein  bloßer  Wechsel  in  der  Form  der  Religion,  sondern
die  Verneinung  und  Zerstörung  der  Vorstellungen,  denen  die  Religion
entspringt.  Das  Ehristentum  macht  sich  nicht  bloß  vom  Aberglauben
los,  sondern  stirbt  in  der  Volksansicht  an  der  Wurzel  ab,  wie  das  alte
Heidentum  abstarb,  als  das  Ehristentum  die  Welt  betrat.  Und  nichts  erscheint, ­
  um  dessen  Stelle  einzunehmen.  Die  fundamentalen  Borstellungen
eines  persönlichen  Gottes  und  eines  künftigen  Lebens  gehen  der  Überzeugung ­
  der  Massen  immer  mehr  verloren.  «Ob  dies  nun  an  sich  ein
Fortschritt  sei  oder  nicht,  so  zeigt  die  Bedeutung  der  Rolle,  welche  die
Religion  in  der  Weltgeschichte  gespielt  hat,  die  Bedeutung  des  Umschwungs, ­
  der  jetzt  vor  sich  geht.  Falls  die  menschliche  Natur  sich  nicht
plötzlich  in  den  tiefsten  Lharakterzügen,  welche  die  Weltgeschichte  in  der
Menschheit  nachweist,  geändert  hat,  so  bereiten  sich  die  mächtigsten
Aktionen  und  Reaktionen  auf  diese  Art  vor.  Solche  Stadien  des  Denkens
haben  daher  immer  Übergangsperioden  bezeichnet.  Zn  kleinerem  Maßstabe ­
  und  in  geringerer  Tiefe  (denn  ich  meine,  jeder,  der  den  Zug  unserer
Literatur  beachtet  und  mit  den  Leuten,  auf  die  er  trifft,  über  solche
*)  An  aufbauender  Staatskunst,  Erkenntnis  der  grundlegenden  Prinzipien  und
Anpassung  der  Mittel  an  die  Zwecke  ist  die  vor  einem  Jahrhundert  angenommene  Konstitution ­
  der  Vereinigten  Staaten  den  neueren  Staatskonstitutionen  gewaltig  überlegen,
von  denen  die  letzte,  die  von  Kalifornien,  nichts  als  ein  stümperhaftes  Flickwerk  ist.
            
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