Full text : Fortschritt und Armut

Map.  V.

Die  zentrale  Wahrheit.

397

steigert,  je  mehr  der  materielle  Fortschritt  zunimmt.  Dies  ist  die  subtile
Alchemie,  die  in  allen  zivilisierten  Ländern  den  Massen  auf  wegen,
die  sie  nicht  begreifen,  die  Früchte  ihrer  mühseligen  Arbeit  entzieht;
die  an  Stelle  der  aufgehobenen  Sklaverei  eine  härtere  und  hoffnungslosere ­
  aufrichtet;  die  aus  politischer  Freiheit  politischen  Despotismus
schmiedet  und  bald  demokratische  Institutionen  in  Anarchie  verwandeln
muß.
Dies  ist  es,  was  den  Segen  des  materiellen  Fortschrittes  in  Fluch
verwandelt.  Dies  ist  es,  was  menschliche  Wesen  in  ungesunden  Kellern
und  schmutzigen  Mietskasernen  zusammendrängt,  was  die  Gefängnisse
und  Bordelle  füllt,  was  die  Menchen  mit  Mangel  quält  und  sie  vor
Habsucht  verzehrt,  was  die  Frauen  der  Grazie  und  Schönheit  vollkommener ­
  Weiblichkeit  beraubt,  was  den  Kindern  die  Freude  und  Unschuld
des  Morgens  ihres  Lebens  verkümmert.
Eine  Zivilisation  auf  solcher  Grundlage  kann  nicht  von  Dauer
sein.  Die  ewigen  Gesetze  des  Weltalls  verbieten  es.  Die  Ruinen  toter
Reiche  bezeugen  es,  und  die  Stimme  in  jedes  Menschen  Brust  antwortet
darauf,  daß  es  nicht  sein  kann.  Etwas  Größeres  als  das  Wohlwollen,
etwas  Erhabeneres  als  die  Mildtätigkeit  —  die  Gerechtigkeit  selbst  verlangt ­
  von  uns,  dieses  Unrecht  gut  zu  machen.  Die  Gerechtigkeit,  die  nicht
verleugnet  werden  kann,  die  nicht  abzufertigen  ist  —  die  Gerechtigkeit,
welche  mit  der  wage  das  Schwert  trägt.  Sollen  wir  den  Streich  mit
Liturgien  und  Gebeten  parieren?  Sollen  wir  die  Beschlüsse  unwandelbarer ­
  Gesetze  abwenden,  indem  wir  Kirchen  bauen,  wenn  hungrige
Kinder  weinen  und  niedersinkende  Mütter  ächzen?
wenn  sie  auch  die  Sprache  des  Gebetes  annimmt,  es  ist  doch  Gotteslästerung, ­
  welche  den  unerforschlichen  Beschlüssen  der  Vorsehung  die
aus  der  Armut  erwachsenden  Leiden  und  Brutalitäten  zuschreibt,  die
mit  gefalteten  bsänden  sich  zu  dem  Allvater  wendet  und  ihm  die  Verantwortlichkeit ­
  für  das  Elend  und  die  verbrechen  unserer  großen  Städte
zuschiebt,  wir  setzen  den  Ewigen  damit  herab,  wir  verunglimpfen  den
Allgerechten.  Lin  mitleidiger  Mensch  würde  die  Welt  besser  eingerichtet
haben;  ein  gerechter  Mensch  würde  mit  seinem  Fuße  solch  einen  schwärenden ­
  Ameisenhaufen  zertreten.  Nicht  der  Allmächtige,  sondern  wir  sind
für  das  Laster  und  Elend,  die  mitten  in  unserer  Zivilisation  eitern,
verantwortlich.  Der  Schöpfer  überhäuft  uns  mit  seinen  Gaben,  die  für
mehr  als  alle  genügen.  Aber  gleich  Schweinen,  die  sich  um  ihre  Nahrung ­
  reißen,  treten  wir  sie  in  den  Schmutz  —treten  sie  in  den  Schmutz,
indem  wir  uns  darum  reißen  und  einander  zerfleischen!
Gerade  in  den  Mittelpunkten  unserer  Zivilisation  gibt  es  heutzutage ­
  Mangel  und  Leiden  genug,  um  jedem  das  Herz  krank  zu  machen,
der  nicht  die  Augen  davor  schließt  und  seine  Nerven  dagegen  stählt.
Dürfen  wir  uns  an  den  Schöpfer  wenden  und  von  ihm  Abhilfe  erbitten?
Angenommen,  das  Gebet  würde  erhört  und  auf  das  Geheiß,  welches
das  Weltall  ins  Dasein  rief,  glühte  die  Sonne  mit  noch  größerer  Kraft,
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.