Kap. I.
Die Malthussche Theorie, ihr Ursprung und ihre Stütze.
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namens der Gerechtigkeit erhobenen Ansprüche auf gleichmäßigere
Verteilung der Güter geltend gemacht; aber die Zeitverhältnisse waren
derart, um denselben Gedanken, als ihn Malthus aussprach, besonders
ansprechend für eine mächtige Klasse zu machen, in der durch den Aus
bruch der französischen Revolution eine gewaltige Furcht vor allen Be
anstandungen des bestehenden Zustandes der Dinge erweckt worden war.
Zetzt wie damals wehrt die Malthussche Lehre dem verlangen nach
Reform ab und schützt die Selbstsucht vor Zweifeln und Gewissensbissen
durch den Schild einer unvermeidlichen Notwendigkeit. Sie liefert eine
Philosophie, mit welcher der schwelgende Reiche das Bild des an seiner
Türe vor ksunger hinsinkenden Lazarus von sich fern hält; bei welcher
der Reichtum, wenn die Armut um ein Almosen bittet, mit gutem Ge
wissen die Taschen zuknöpfen kann, und der reiche Christ Sonntags
sich in seinem schön gepolsterten Kirchenstuhle beugt, um die guten Gaben
des Allvaters zu erbitten ohne irgendein Gefühl der Verantwortlichkeit
für das abschreckende Elend, das in der nächsten Straße herrscht. Denn
Armut, Mangel und punger sind nach dieser Theorie weder der persön
lichen Habgier, noch sozialen Mißverhältnissen zur Last zu legen; sie sind
die unvermeidlichen Folgen von Weltgesetzen, mit welchen zu hadern,
wenn es nicht gottlos wäre, doch ebenso unnütz sein würde, als mit
dem Gesetz der Schwere zu hadern, von diesem Gesichtspunkt aus
hat derjenige, welcher inmitten des Mangels Reichtum angehäuft hat,
nur eine kleine Gase von dem Treibsand abgezäunt, der auch ihn sonst
überwältigt haben würde. Er hat für sich selbst gewonnen, aber niemanden
geschädigt. Und wenn selbst die Reichen die Gebote Christi buchstäblich
erfüllen und mit den Armen teilen wollten, so wäre nichts dadurch ge
wonnen. Die Bevölkerung würde vermehrt werden, nur um aufs neue
gegen die Grenzen des Unterhalts oder Kapitals zu drängen, und die
erzielte Gleichheit wäre nur die Gleichheit des gemeinschaftlichen Elends.
Und so werden die Reformen, welche den Interessen einer mächtigen
Klasse zu nahe treten würden, als hoffnungslos dargestellt. Da das Sitten
gesetz verbietet, den Methoden vorzugreifen, durch welche das Natur
gesetz einen Uberschuß der Bevölkerung beseitigt, und eine Tendenz
zur Vermehrung zu hemmen, die stark genug ist, um die Gberfläche der
Erde mit menschlichen wesen so vollzupacken wie Sardinen in einer
Büchse, so kann faktisch nichts getan werden, weder durch vereinzelte
noch durch vereinte Anstrengung, um die Armut auszurotten, außer
auf die Wirksamkeit der Erziehung zu vertrauen und die Notwendigkeit
der Vorsicht zu predigen.
Eine Theorie, die mit den Denkgewohnheiten der ärmeren Klassen
übereinstimmt und auf diese weise die pabgier der Reichen und die
Selbstsucht der Mächtigen rechtfertigt, wird sich rasch verbreiten und tiefe
wurzeln schlagen. Dies war auch mit der von Malthus aufgestellten
Theorie der Fall.
Und in den letzten Zähren hat die Malthussche Theorie neue Unter-