Full text : Wirtschaft als Leben

120

,Die  Herrschaft  des  Wortes“,

Für  den  Werdegang  der  Nationalökonomie  wären  natürlich  die  Tatsachen
ihrer  Geschichte  am  Worte.  Aber  gerade  seine  Umwege  lassen  sich  an  den
fünf  Fingern  abzählen,  und  so  läßt  es  sich  vermeiden,  diese  erläuternde  Randzeichnung ­
  mit  literargeschichtlichen  Einzelheiten  zu  überladen.  Für  den
Einblick  in  jene  Umwege  genügt  es,  sich  etwas  vorzuhalten,  an  das  ich  hier
nur  unter  dem  Vorbehalt  sachlicher  Würdigung  streife,  weil  es  von  der  Bedeutung ­
  eines  Grundverhältnisses  für  die  Nationalökonomie  erscheint,  das  in
der  nationalökonomischen  Betrachtung  wohl  auch  nur  deshalb  nicht  ausreichend ­
  gewürdigt  wird,  weil  es  gar  zu  nahe  liegt.  Denn  zum  Alleralltäglichsten ­
  unseres  Daseins  gehört  doch  sicherlich  unser  Handeln!  In  der
Tat  aber  braucht  man  an  dieser  Stelle  nur  davon  auszugehen,  daß  die  Nationalökonomie ­
  eine  Wissenschaft  von  den  menschlichen  Handlungen
sei,  in  irgendeiner  besonderen  Weise.  Diese  nicht  einem  Schlüsselwort,  sondern
einem  sachlichen  Schlüssel  zu  entnehmen,  das  besagt  für  die  Nationalökonomie, ­
  um  es  hier  vorgreifend  anzudeuten,  die  Freiheit  vom  Worte.
Dieser  Schlüssel  mag  in  letzter  Linie  nur  einbesondererGesichtspunkt
  sein,  unter  dem  die  Nationalökonomie  ein  Erfahrungsgebiet  beschaut,
das  sie  mit  anderen  Wissenschaften  zu  Gemeinbesitz  hat.  Mit  diesem  Schlüssel
hängt  es  sachlich  zusammen,  aber  es  genügt  wohl,  wenn  ich,  und  hier  eben
nur  schlagwörtlich,  eine  Unterscheidung  zwischen  „geschichtlichen“  und
„ungeschichtlichen“  Handlungen  anklingen  lasse  l ),  um  es  eigentlich  wie  eine
Binsenwahrheit  empfinden  zu  lassen,  daß  die  Nationalökonomie  ihrer  roh
erfaßten  Sonderheit  nach  gar  nichts  anderes  sei,  als  die  Erfahrungswissenschaft
  vom  Alltagsleben  aller  Zeiten.
So  muß  sie  notwendig  eine  spätgeborene  Tochter  des  menschlichen
Geistes  sein.  Weniger  vielleicht,  weil  zum  Verstehen  dieser  nächstliegenden
Dinge  besonders  viel  Philosophie  gehört!  (Soweit  dies  übrigens  zutrifft,  kann
es  uns  ein  Trost  sein,  wenn  uns  Skrupel  über  dies  und  jenes  beschleichen.)
Aber  die  Gründe  der  Spätgeburt  liegen  zum  besten  Teil  wohl  darin,  daß
aller  Erkenntnis  des  Alltäglichen  jene  eingefleischte  Kenntnis
der  Alltäglichkeit  breit  im  Wege  steht,  die  uns  Allen  eigen  ist,  weil
wir  insgesamt,  Nationalökonomen  wie  Laien,  Fachleute  des  „täglichen
Lebens“  sind.
Denn  nur  für  den  ersten  Anschein  ebnet  diese  Kenntnis  —  die  unser
Denken  zum  mindesten  so  weich  und  warm  in  Worte  bettet  —  jener  Erkenntnis ­
  den  Weg.  Eher  sind  es  ja  die  letzten  Dinge,  über  welche  der
Mensch  zuerst  nachdenken  will;  während  die  nächsten,  die  Dinge,  die  unablässig ­
  Gegenstände  seines  Denkens  sind,  ihn  zum  Nachdenken  fürs
erste  nicht  reizen.  Wir  sind  allzusehr  mit  unseren  Interessen  dabei,  um

’)  Vgl.  Lexis,  „Einleitung  in  die  Theorie  der  Bevölkerungsstatistik“.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.